„Wir alle sind verantwortlich für die Zeit, in der wir jetzt leben“ – Michel Friedman zu Gast beim 17. Scholl-Forum

Auch in diesem Jahr war der Geschwister-Scholl-Gedenktag, an dem die Schulgemeinde an ihre Namensgeber Hans und Sophie Scholl und deren Ermordung durch die Nationalsozialisten erinnert, etwas ganz Besonderes. In rund 50 Veranstaltungen haben sich alle Klassen und Kurse mit den Themen Erinnerungskultur und Demokratielernen beschäftigt.

Der Schirmherr des diesjährigen GSS-Gedenktages war der Philosoph, Jurist und Publizist Prof. Dr. Michel Friedman. Beim 17. Scholl-Forum sprach er vor Oberstufenschülerinnen und -schülern der Geschwister-Scholl-Schule und des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums über Antisemitismus, demokratische Haltung und die Verantwortung jedes Einzelnen. Rund zwei Stunden nahm er sich für seinen Vortrag und die anschließende Diskussion Zeit – eindringlich, persönlich und streitbar.

Bedrohung jüdischen Lebens

Friedman zeichnete ein klares Bild: Antisemitismus sei in Deutschland wieder Alltag geworden. Jüdische Kinder und Jugendliche müssten damit rechnen, angefeindet oder ausgegrenzt zu werden – auch an Schulen. Besonders kritisch sei, dass oft nicht entschieden genug eingegriffen werde. „Hass ist keine Meinung, sondern Gewalt“, betonte er. Es reiche nicht, an Gedenktagen „Nie wieder“ zu sagen – entscheidend sei das Handeln im Alltag.

Er forderte dazu auf, antisemitischen und menschenverachtenden Äußerungen unmittelbar zu widersprechen. Wegsehen mache mitschuldig. Menschenwürde müsse konkret verteidigt werden – im Klassenzimmer, auf dem Schulhof und in der Gesellschaft insgesamt.

Gefährdung der Demokratie

Friedman sprach von einem „Zeitalter der Angst“, in dem viele aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit taktisch handelten. Doch Demokratie brauche Haltung statt Opportunismus. Wer demokratiefeindliche Kräfte verharmlose oder aus strategischen Gründen mit ihnen kooperiere, gefährde die vom Grundgesetz garantierten Freiheiten und die rechtsstaatliche Ordnung.

In diesem Zusammenhang erinnerte er an Sophie und Hans Scholl sowie an Walter Lübcke, den er als Vorbild bezeichnete. Lübcke habe klar für die Werte des Grundgesetzes eingestanden und sei dafür von einem Rechtsextremisten ermordet worden. Sein Schicksal zeige, wie wichtig es sei, demokratische Überzeugungen auch gegen Widerstände zu verteidigen.

Friedman machte in der von Schülerinnen und Schülern der Politikwerkstatt moderierten Gesprächsrunde deutlich: Die Demokratie lebt nicht von Anpassung, sondern vom Widerspruch. Freiheit bedeute auch, Autoritäten zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen.

Verantwortung der Schule

Besonders eindringlich wandte sich Friedman an die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer. Schule sei nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern ein Raum, in dem demokratische Haltung eingeübt werden müsse. Streiten, Fragen stellen, zweifeln – all das gehöre zu einer offenen Gesellschaft.

Er ermutigte die Schülerinnen und Schüler, sich einzumischen, wählen zu gehen und sich nicht von Extremisten einschüchtern zu lassen. Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit, sondern auf engagierte Demokratinnen und Demokraten angewiesen.

Fazit

Der Besuch von Michel Friedman war eine eindringliche Mahnung und zugleich ein Appell zum Handeln. Statt bloßer Lippenbekenntnisse forderte er Zivilcourage, Verantwortungsbewusstsein und aktiven Einsatz für Menschenwürde und Freiheit. Seine zentrale Botschaft: Demokratie beginnt im Alltag – und sie braucht Menschen, die Haltung zeigen.

Pressebericht des Bergsträßer Anzeiger vom 21.02.2026: https://www.bergstraesser-anzeiger.de/orte/bensheim_artikel,-bensheim-michel-friedmanfordert-haltung-und-engagierten-einsatz-fuer-die-demokratie-_arid,2359374.html?&npg

single.php