Profile your life

Mit „Profile your life“ gewährten sich Jugendliche und Senioren des Kreises Einblick in ihre Lieblingswelten

Menschen, Orte , Medien

Kreis Bergstraße / Heppenheim „Generationsübergreifend Lebenswelten erkunden“, das war gemeinsame  Aufgabe der Gruppe 50plus-aktiv an der Bergstraße und der Politikwerkstatt der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) in Bensheim. Die Jugendlichen und Senioren arbeiteten das Erforschte im intergenerationellen Dialog miteinander medial auf und präsentierten ihre Einblicke jetzt bei einem gemeinsamen Treffen im Haus am Maiberg in Heppenheim. Das Pilotprojekt unter fachlicher Begleitung durch das Medieninstitut für Medienpädagogik und Kommunikation in Dreieich und dem Haus am Maiberg wurde von der Mary Anne Kübel Stiftung gefördert.

Das selbstgesteckte Ziel war laut Titus Möllenbeck, Projektkoordinator und Mitarbeiter des Haus am Maiberg, „nicht nur das generationsübergreifende Erkunden von Lebenswelten, sondern auch das mediale Aufarbeiten der Ergebnisse“. Fachkundige Unterstützung erhielten Jung und Alt dabei durch Mitsch Schulz, Referent des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation (MUK). Dieser lobt insbesondere den aufgeklärten Umgang der älteren Menschen mit den „neuen Medien“, welcher bei der Aufarbeitung des Projektes sichtbar geworden sei: „Wir sind wahrscheinlich zu naiv an das Projekt herangegangen und haben die 50+-Leute in ihren technischen Fähigkeiten unterschätzt. Sie erarbeiteten tolle Ergebnisse und entwickelten sehr persönliche Profildarstellungen. Die Schüler haben dagegen offensichtlich längst nicht die Zeit, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen und oft fehlen ihnen so die Erfahrungen in der medialen Verarbeitung, die wir bei ihnen selbstverständlich voraussetzen.“

profile-your-lifeBild: Bissinger

Stifterin Mary Anne Kübel, im Vorstand im Kreisseniorenrat tätig, ist stolz auf den Erfolg des Pilotprojektes: „Hier wurde ein intensiver Dialog zwischen den Generationen möglich. Und den müssen wir gerade auch dort stärken, wo er aufgrund der häufig anzutreffenden familiären, räumlichen Trennungen nicht mehr gegeben ist. Gerade in Zeiten von Web 2.0 und der immer wichtig werdenden  virtuellen Welten macht es Sinn, Medienkompetenzen zu vertiefen und die Möglichkeiten, sich über die neuen Medien zu begegnen, auszuloten und zu nutzen“.  Das Pilotprojekt führte Jugendliche und Senioren zu persönlich wichtig gewordenen Orten an der Bergstraße und im Odenwald, die von den Teilnehmern mit Foto und Film dokumentiert, aufbereitet und schließlich digital präsentiert wurden.

Begonnen wurde mit einem Treffen der beiden Gruppen im März dieses Jahres in Heppenheim. Die Teilnehmer benannten Orte, an denen sie sich gerne aufhalten und die in ihrem Alltagsleben eine wichtige Rolle spielen. „Diese `Profil-Orte´ sind neben den offiziellen Bildungseinrichtungen wie Schulen oder Weiterbildungszentren wichtige Faktoren für die persönliche Entwicklung. Doch gerade hier findet in den seltensten Fällen ein intergenerationeller Austausch statt“, so Titus Möllenbeck. Dies liege an den unterschiedlichen Anforderungen an diese öffentlichen Räume, bewertet der Bildungsreferent. So suchten Jugendliche eher nach Orten der Bewegung, wohingegen die ältere Generation sich offensichtlich mehr gepflegte Plätze zum Verweilen wünschen.

Für die Schüler der Geschwister-Scholl-Schule ist die Taunusanlage in unmittelbarer Nähe zur Schule ein Ort der Zuflucht. Eine Jugendliche pries dagegen den besonderen Erholungswert des Niederwaldsees bei Rodau, der sich als ihr Zufluchtsort entwickelt habe. Die Senioren dagegen nannten ihre Gärten in Lorsch oder Kirschhausen oder die Reiseziele, die sie oft auch mit der ganzen Gruppe erkunden. Für Erich Zipse, Mitglied des Kreises „50plus-aktiv“, ist die evangelische Kirche in Schwanheim ein Ort der Einkehr. Nicht nur aus Glaubensgründen zieht es ihn immer wieder dorthin, auch aus kulturellem Interesse. Er engagiert sich unter anderem im dortigen Singkreis. Dass ein intergenerationeller Austausch trotzdem wichtig ist, weiß der rüstige Senior, es ist für ihn deshalb auch wichtig, „auf der Höhe mit den neuen Medien zu sein, denn nur so kann man auch den jungen Menschen von heute begegnen und sie auch verstehen.“

Gemeinsam mit Frauen und Männern seiner Generation besuchte er die Politikwerkstatt an der Bensheimer Geschwister Scholl Schule. Lehrer Dieter Martin, der das Projekt mit Eifer begleitete, zeigte sich begeistert über das Interesse. Im Unterricht diskutierten Jung und Alt die Unterschiede des schulischen Unterrichtes gestern und heute. „Das Lernen hat heute einen ganz anderen Rahmen“, stellten die Senioren überrascht fest. Gemeinsam mit den Heranwachsenden besuchten sie das Mehrgenerationenhaus in Bensheim, gingen auch mal mit ins Fitness-Studio und aßen zum Abschluss eines Projektages gemeinsam einen Döner beim „Türken“. Für die meisten Senioren etwas ganz Neues. „Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, im Dönerladen zu essen, denn damals gab‘s ja immer zu Hause zu essen und eben nur dort“, so eines von vielen Resümees.

Nicht weniger staunten  die Jugendlichen über die Kompetenz der Älteren bei der technischen Aufbereitung des Projekts. Powerpoint-Präsentationen mit Einbindung von Bildern und Video, trotz weniger Vorerfahrungen alles kein Problem. Selbst ein digitaler Wanderführer mit Routen durch den vorderen Odenwald ist inzwischen digital veröffentlicht und kann weltweit abgerufen werden. Alle zeigten sich zufrieden mit ihren medialen Ergebnissen, die sich nach Ansicht der Initiatoren des Projektes mehr als zeigen lassen. Begeistert waren alle Aktiven über die neuen Erfahrungen und Begegnungen. In das positive Feedback stimmte auch Fritz Hempler ein, der sich als Senior von Anfang an engagiert einbrachte: „Das Projekt ermöglichte zu sehen, was anderen wichtig ist. Die Jugendlichen haben uns sehr viel gefragt, waren stets interessiert – vor allem an den Zeiten unserer eigenen Jugend.“ Der Dialog soll weiter gehen, eine Fortsetzung des Projektes ist bereits in Planung.

Info:
Das Haus am Maiberg ist die Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz. Die Akademie führt Seminare, Tagungen und internationale Begegnungen durch und versteht sich als Ort des Dialogs über gesellschaftliche und politische Fragen.

Die Digitalisierung verändert nicht nur die Medienwelt, sondern auch die Medien- und Lebensgewohnheiten der Nutzer. Bei jungen Menschen nimmt das Internet, nach aktuellen, vom Bundestag herausgegebenen Studien, in der Medien-Nutzung bereits 40 Prozent ein. Jeder Vierte Deutsche zählt zu den sogenannten Offlinern, die meisten davon sind über 60 Jahre alt. Deren Medienverhalten unterscheidet sich gewaltig, von dem der Menschen, die das Internet regelmäßig und auch kompetent nutzen.

Mit dem Projekt Profile your life geht es um gemeinsamen informellen Austausch von Jugendlichen und Senioren. Die Kommunikation zwischen den Treffen wird auch durch die Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook und das gemeinsame Präsentieren unter anderem mit Film und  Fotografie gefördert.

Die Enquete-Komission des Deutschen Bundestages „Internet und digitale Gesellschaft“ versteht Medienkompetenz auch als Sozialkompetenz. Es ermögliche dem Individuum, komplexe gesellschaftliche Prozesse zu erfassen und sozial verantwortlich zu handeln.
Von Felix Dietrich / Markus Bissinger

 




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