Mit seinem Mut begeisterte er die Jugend

Bensheim. "Wir wussten, wo unsere Füße zu stehen hatten." Der katholische Kaplan Albert Münch hat in Bensheim nicht nur Spuren hinterlassen, sondern sich selbst durch Mut, Glaubensstärke und Zivilcourage ein Denkmal gesetzt. Nur ein Jahr war der Priester in der Stadt aktiv. In dieser kurzen Zeit hat er es geschafft, die Menschen mit seinem Charisma zu begeistern und den Nazis christliche Werte entgegenzusetzen.

4000 Menschen bei Beerdigung

Nach dreijähriger Recherche hat die Bensheimer Kolpingsfamilie (Herausgeber) jetzt gemeinsam mit der Geschwister-Scholl-Schule eine umfangreiche Dokumentation vorgelegt, die Münchs Leben und Wirken aus einem lokalen Blickwinkel beleuchtet. Am Dienstag wurde das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt: "Glaubensstark - sehr zum Leidwesen der Braunen" beschreibt "einen mutigen Priester in schwieriger Zeit" (Untertitel), der im Februar 1932 im Alter von 27 Jahren nach Bensheim kam.

 


Mit Glaubensstärke Zeichen gesetzt: An der Biografie über "Abbé" Münch
waren (v.r.) Manfred Forell, Herbert Samstag und Fred Röhrig beteiligt.

 

Entstehungsgeschichte des Buches:

"Glaubensstark - sehr zum Leidwesen der Braunen"

Im Frühjahr 2008 plauderten einige ältere Kolpingbrüder über die Vergangenheit. Da fiel der Name Abbé Münch.

Herbert Samstag erinnerte sich an die Berichte seines Vaters über einen charismatischen Kaplan in der Bensheimer Jugendarbeit.

Samstag sammelte weitere Erinnerungen über den verehrten Priester. Noch im gleichen Jahr organisierte er mit der Gemeinde St. Georg eine Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des von den Nazis erzwungenen Abschieds Münchs aus Bensheim am 20. August 1933.

Daraus wuchs die Idee, aus dem zusammengetragenen Material eine Gedenkschrift anzufertigen. Samstag klopfte bei der Geschwister-Scholl-Schule an, die für ihr lebendiges historisches Bewusstsein bekannt ist. Schulseelsorger Manfred Forell war begeistert über die Anfrage.

Der Religionskurs einer neunten Gymnasialklasse sortierte das gesammelte Archivmaterial. Schüler interviewten außerdem Zeitzeugen wie Joseph Löffler und Pfarrer Ludwig Hellriegel, die beide im vergangenen Jahr verstorben sind.

Die Recherchen erstreckten sich von Bensheim über Alzey, Mainz und Ingelheim/Frei-Weinheim bis nach Offenbach - den priesterlichen Stationen Münchs.

Neben Unterstützer Karl-Heinz Roth war auch Fred Röhrig mit im Boot. Er kümmerte sich um die technischen Details und das Layout der gebundenen Dokumentation.

Nach drei Jahren ist ein inhaltlich reichhaltiges, 225 Seiten dickes und glänzend recherchiertes Buch entstanden: "Glaubensstark - sehr zum Leidwesen der Braunen" ist ab sofort im Kundenforum des Bergsträßer Anzeiger erhältlich.

Im August 1933 zwangen ihn die Nazis, die Stadt zu verlassen. Die Bevölkerung hat ihn auf Händen getragen. Über 4000 Menschen sollen seinem Abschied beigewohnt haben. Tr

Kolpinghaus. Landrat Matthias Wilkes öffnete eine Schnittmenge beider Pfarrer. Wie Münch, so habe auch Groß immer eine klare christliche Haltung und einen gelebten Glauben repräsentiert. Beide hätten innerhalb kürzester Zeit die Herzen der Menschen erobert. "Glaubensstärke allein reicht nicht", sagte Bürgermeister Thorsten Herrmann. Man müsse, wie Münch, die christliche Verankerung in mutiges praktisches Handeln umsetzen. Für die GSS betonte Schulleiter Dieter Zangmeister, dass die Vergangenheit nicht abgeschlossen sei und aufgearbeitet werden müsse. Er dankte Manfred Forell für dessen vielfältiges Engagement gegen braune Strömungen aller Art.

Der Schulseelsorger, der die Dokumentation als Haupt-Autor federführend in Form gebracht hat, kommentiert das Buch als Blick zurück sowie nach vorn auf eine Kirche, die Mut benötige, um als Licht in der Dunkelheit zu leuchten.

Aus der GSS-Geschichtswerkstatt kam Franz-Josef Schäfer ins Kolpinghaus. Der Lehrer skizzierte die politische Situation kurz vor Münchs Bensheimer Zeit. Zwei Drittel der Einwohner waren 1930 katholisch, fast 40 Prozent wählten die katholisch geprägte Zentrumspartei.

 

Webseite von Schülerinnen und Schülern der Geschwister-Scholl-Schule unter Anleitung von Herrn Samstag erstellt                                                                        Skikurs 2007  jetzt Webseite besuchen 

 

Zielscheibe der Nazis

Als Jugendpräses der Kolpingsfamilie verstand es der Kaplan, seine Veranstaltungen wie die Zeltlager in Ober-Laudenbach öffentlichkeitswirksam zu inszenieren, sprich: die Abwehrhaltung der jungen Katholiken gegenüber den Nazis bisweilen subtil, sehr intelligent und immer unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen.

Dass er sich damit selbst zur Zielscheibe der Nazis machte, musste ihm als Mann mit aufgewecktem Geist bewusst gewesen sein, schreibt Manfred Forell. Von einer "Friedensfahrt" nach Frankreich im April 1933 war Münch mit dem Spitzname "Abbé" zurückgekehrt.

"Wir brauchen offene und glaubwürdige Priester", so Dr. Wolfgang Hamberger. Der ehemalige Bürgermeister von Fulda hatte den charismatischen Kaplan 1950 selbst kennengelernt und bezeichnet ihn als Mann mit enormer Ausstrahlung und Anziehungskraft. "Ein Vorbild", so Hamberger in Bensheim. "Wie wichtig dieses Buch ist, zeigen auch die jüngsten Ereignisse in unserer Stadt", so Kolpingsbruder Herbert Samstag.

Die Dokumentation reflektiert ein weitgehend ungeschriebenes Kapitel Bensheimer Stadtgeschichte. Das Redaktionsteam beschreibt den Weg eines "aufsässigen Pfarrers" und unerschrockenen Überzeugungstäters. "Der Kaplan muss weg, sonst kommt die Hitlerjugend nicht", wird ein abgehörtes Telefongespräch der Nazis zitiert. Münch war zu einer zivilen Bedrohung der Gleichschaltung geworden.

Das Buch erzählt eine eindrucksvolle Biografie mit etlichen bislang wenig erforschten Fußnoten, etwa die Rolle von Münchs ehemaligem Schulkameraden und späteren Darmstädter Polizeipräsidenten Werner Best - ein strammer Nazi, der dem Kaplan mehr als einmal geholfen hat. "Ohne ihn wäre Münch wahrscheinlich im KZ gelandet", so Manfred Forell.

Zahlreiche Originaldokumente und alte Fotos machen das Buch zu einem lebendigen Werk mit viel Lokalkolorit. Es berichtet darüber hinaus von dessen römischen Aktivitäten nach Kriegsende und die Rückkehr nach Deutschland, wo er 1951 für 15 Jahre eine Pfarrstelle in Ingelheim übernimmt. Albert "Abbé" Münch stirbt am 21. August 1980.

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 20.09.2012

 

 

Interview mit Manfred Forell

Klare Worte sind auch heute nötig

Herr Forell, ist das Buch lediglich biografische Retrospektive oder steckt auch eine Botschaft drin?

Manfred Forell: Es ist natürlich auch ein Rückblick, aber es steckt doch weit mehr dahinter. Auf der einen Seite ist es eine geschichtliche Aufarbeitung dessen, was sich hier abgespielt hat, und wie es trotz aller Schikanen dennoch möglich war, dem totalen Machtanspruch der Nationalsozialisten gegenüberzutreten. Es ist uns andererseits aber auch wichtig, deutlich zu machen, dass auch heute klare Worte und auf Auftreten gegen den Zeitgeist notwendig sind.

Ist unsere Gesellschaft 2012 wieder empfänglicher für rechte Parolen?

Forell: Leider ja. Das beobachten Experten schon seit drei bis vier Jahren. Studien belegen dies. Demnach muss man davon ausgehen, dass 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung fremdenfeindliche Ressentiments hegen. Das sind Fakten. Ich sehe die Kirche als eine Institution, die sich dagegen stellen muss - und das auch kann. Es gibt noch immer sehr viele Gläubige und kirchlich Engagierte. Da lässt sich jede Menge bewegen.

Albert Münch ist ein Vorbild. Verfügt die Kirche, egal welche, auch heute über genügend Köpfe, die eindeutig Stellung beziehen?

Forell: Es gibt erfreulich viele Menschen, die eindeutig Stellung beziehen. Aber ich könnte mir mehr vorstellen. tr

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 20.09.2012

 

 


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