Yusei Teraoka - Austauschschüler aus Japan

Atomkatastrophe von der Geschwister-Scholl-Schule aus verfolgt

Deutsches Essen? Alles außer Rosenkohl!

Er mag deutsches Essen bis auf Rosenkohl und Handkäse. Er ist 16 Jahre alt, Baseballspieler und Fußballfan. Shinji Okazaki, Atsuto Uchida und Shinji Kagawa: Japanische Importe in der Bundesliga. Diese Namen fallen spontan, als man zum Thema kommt. Aber im Grunde ist er Bayern-Fan. Und ein Sprachtalent: Seit letzten August ist Yusei Teraoka in Deutschland. Dafür parliert er mehr als respektabel.

Yusei kommt aus Chiba in der Nähe von Tokio. Gut 200 Kilometer Luftlinie südlich von Fukushima - seit 11. März die bekannteste Stadt Japans. Der Teenager hofft, dass es in die Verlängerung geht. Nein, kein Fußballspiel, sondern sein Aufenthalt in Deutschland. Es gefällt ihm hier und bis Ende Juli könnte er durchaus bleiben.

Zu Hause geht es allen gut

Zu Hause geht es allen gut. Den Eltern, dem Opa und auch dem Hund. Für Yusei ist es komisch, die Atom-Katastrophe in der Heimat aus der Distanz verfolgt zu haben. Elf Flugstunden entfernt hört sich alles fremdartig und verzerrt an. Bis Ende Januar hat er bei einer Gastfamilie bei Düsseldorf gewohnt. Danach kam er nach Bensheim. Zu Karlheinz und Beate Nichell. Er ist stellvertretender Leiter der Geschwister-Scholl-Schule, sie Lehrerin in der Grundschule Kappesgärten.

Zwei Pädagogen als Gastfamilie? Halb so schlimm. Yusei fühlt sich pudelwohl, er öffnet die Haustür und bittet zum Talk ins gemütliche Wohnzimmer. Nichells haben einen 29-jährigen Sohn, Johannes, der am Heidelberger Institut für Japanologie studiert. Familiäre Besuche auf dem Inselstaat bleiben da nicht aus.

"Wir haben irgendwie einen Draht dorthin", sagt Beate Nichell, die heilfroh ist, dass Yusei zu ihnen nach Bensheim kommen konnte. Er hatte nach Düsseldorf über die Austauschorganisation relativ kurzfristig ein neues Domizil gesucht. Ebenfalls zum Haushalt gehört Julia, 18, die gerade an der GSS ihr Abi baut.

Joggen und schwimmen

Und was macht man so als japanischer Teenie in Südhessen? Joggen in den Weinbergen, Schwimmen im Badesee und Abhängen mit den Klassenkameraden - die laut Yusei ganz cool mit dem neuen Japaner in ihren Reihen klarkommen.

Nach wenigen Minuten Smalltalk platzt es aus dem Hausbesuch heraus: Wie war das denn nun mit Fukushima? Am 11. März war Yusei vor allem erst mal krank. Es ging ihm solala. Die Nachrichten im Fernsehen berichten von einem starken Erdbeben. Der 16-Jährige bleibt gelassen: "Das ist bei uns nichts Besonderes. Jedes Kind lernt, wie man damit umzugehen hat."

Aber ein Beben von der Stärke 9,0 ist auch in Japan nicht alltäglich. "Ich selbst habe bisher nur kleinere Ereignisse erlebt. Tsunamis und die Folgen kenne ich überhaupt nicht", sagt Yusei, der es nach den ersten Meldungen genau wissen will.

Noch in der Nacht ruft er in Chiba an. Die Leitung ist tot. Der Schüler klebt vor dem Fernsehgerät. Die Sorge wächst. Am nächsten Tag erreicht er den Großvater im Süden des Landes per Telefon, nachdem es über SMS auf dem Handy nicht geklappt hatte. Der alte Herr bestätigt: Alles okay. Erst Stunden später schafft es der Opa, mit Yuseis Familie Kontakt aufzunehmen. Endlich mal gute Nachrichten aus Japan! Auch seinen beiden Brüdern, 14 und elf Jahre alt, geht es gut. "Ich war sehr erleichtert", kommentiert der Schüler die aufregendsten Tage im Ausland.

Erst im vorletzten Jahr war er noch selbst in Fukushima. Eine Schul-Exkursion. Persönliche Beziehungen dorthin hat er nicht. Weder Freunde noch Verwandte. In Deutschland kommt er gut klar. Mit seiner Gastgeberfamilie war er schon in Heidelberg und Köln, mit dem Austauschdienst in Portugal und Österreich.

Ein Trip nach Berlin ist vorgesehen. Doch zuerst geht es am 21. Mai für eine Woche an die Côte d'Azur. Ein Schulausflug. Wenn er mit der Schule fertig ist, will er an einer Universität studieren. Vielleicht etwas mit Sport - oder mit Sprachen. Wahrscheinlich in den USA oder in Australien. Das ist so üblich bei japanischen Studenten.

Hilfe für sein Heimatland

In dieser Woche finden an der Geschwister-Scholl-Schule - seiner Gastschule - die Bundesjugendspiele statt. Im Weiherhausstadion. Yusei wird gemeinsam mit seinen Schulkollegen eine Spendenaktion für Japan starten. Brötchen verkaufen und so. Der Erlös soll an die Erdbebenopfer gehen. Über eine Pipeline des Roten Kreuzes. Helfen, wo Hilfe benötigt wird.

Der Teenager hofft, dass die Katastrophe und ihre Folgen nicht so schnell aus den Köpfen sind. Denn seine Leute brauchen wirklich Unterstützung. Er bedankt sich bei allen, die bisher gespendet oder sonst wie geholfen haben. "Es wäre schön, wenn die Menschen in Europa und Deutschland Japan nicht so schnell vergessen würden." tr

Bergsträßer Anzeiger
19. Mai 2011

 



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