Realschüler inszenieren „Die Welle“ als szenisches Theaterstück
Ist eine Diktatur im modernen
Deutschland nochmals
möglich? Mit dieser Frage nimmt das
Projekt „Die Welle“ ihren Anfang.
Ein junger Lehrer wird zum „Führer“
einer von strenger Disziplin und Gemeinschaftsgeist
dominierten Bewegung, an der er experimentell beweisen
will, das Selbstherrschaft und
faschistische Strukturen in einem
aufgeklärten und historisch vorbelasteten
Staat keine Chance mehr
haben.
Der Kontrollverlust des pädagogischen
Diktators belehrt ihn eines
Besseren. Der Schullektüre-Klassiker
von Morton Rhue beschreibt in
fiktionaler Form ein reales Sozialexperiment
namens „The Third Wave“
(„Die dritte welle“), das 1967 an einer
kalifornischen Schule stattgefunden
hat.
Autoritäre Gemeinschaft
„Das Thema ist nach wie vor sehr aktuell“,
sagt die junge Lehrerin Julia
Mandel, die den Roman mit einer
neunten Realschulklasse an der Geschwister-Scholl-Schule aufgearbeitet
und als Bühnenstück inszeniert
hat. Im Rahmen des Wahlpflicht-unterrichts
wurde im Fach Darstellendes
Spiel seit Beginn des Schuljahrs
geprobt. Die Premiere sahen am
Montagabend gut 50 Zuschauer im
Forum der Schule. Am Dienstag
wurde die Aufführung intern wiederholt.
In 90 Minuten wird die Handlung
in kurzen Szenenfolgen und mit einer
straffen Dramaturgie nacherzählt.
Zündfunke für die Eigendynamik
der Idee ist der Zweifel der Schüler
an einem neuen Nationalsozialismus.
Nach einem Film über Nazi-Deutschland äußert sie Zweifel,
dass eine derartige Massenmanipulation
ein weiteres Mal gelingen könne.
Daher entschließt sich der Lehrer
für einen dirigierten Selbstversuch,
der im Rahmen einer Projektwoche
stattfindet und den Schülern die Augen
für die subtile Kraft demagogischer
Verführungskünste öffnen
soll.
Fortan weht ein neuer Geist im
Klassenzimmer: Die Schüler müssen
aufrecht sitzen, dürfen nur im Stehen
sprechen und im Gleichschritt
durch die Flure marschieren. Was
zunächst als amüsante Spielregeln
nahezu lächerlich anmutet, entwickelt
sich bald zu einem fixen Regelwerk,
in dem Verstöße mit rhetorischen
und sozialen Strafen geahndet
werden.
Es entsteht eine autoritär geführte
Gemeinschaft, die „Stärke durch
Disziplin und Gemeinschaft“ und später auch durch gezielte Aktionen
predigt. Wer nicht gehorcht, wird gemobbt.
Schnell mutiert das Gleichheitsgebot
innerhalb der Gruppe zu
einem gärenden Kollektiv aus Spitzeln
und Verfolgten in einem totalitären Überwachungssystem mit
ideologischen Einpeitschern in einer
hierarchischen Gesellschaftsstruktur.
Die Konkurrenz unter den
Schülern wächst, jeder will beim
Lehrer punkten und in der Gruppe
eine möglichst gute Position einnehmen.„Die Welle“ wird im Verlauf der
Projektwoche durch ein Symbol, einen
Gruß und eine einfache Uniform
gestärkt. Ein Großteil der Schüler
nimmt die Ideen der Bewegung
mit Begeisterung auf. Die sozial Starken
finden eine passende Führungsrolle, die Außenseiter fühlen sich
zum ersten Mal bestätigt und dazugehörig.
Die Individualität verblasst,
als die Welle über den Köpfen der
naiven Meute zusammenschwappt
und die Realität verwässert.
Dem System verfallen
Der Lehrer bemerkt, wie seine Gruppe
zwar immer besser auf den Drill
reagiert und gepauktes Wissen herunter
spult – die Fähigkeit zum eigenen
kritischen Denken scheint
aber immer mehr zu verkümmern.
Der Pädagoge muss die Reißleine
ziehen. Nachdem ein Schüler Gewalt
widerfährt, erkennt er die Tragweite
des Spiels. Aus dem Versuch ist
eine Bedrohung geworden, die den
Rahmen der Geschichtsklasse längst
gesprengt hat. In einer Vollversammlung löst er
die Bewegung auf und verdeutlicht
den Schülern, wie zügig sie sich in
ein totalitäres System eingefügt haben.
Die jungen Darsteller bewältigen
den Stoff ordentlich, das zentrale
Thema wird glaubwürdig und
nachvollziehbar ins Spiel gebracht.
Mit minimalen Mitteln und souveränem
Ensemblespiel wird die Anziehungskraft
faschistischer Bewegungen
aufgezeigt und auf dramatische
Art kommentiert.
Ein Bühnenstück, das warnt, das
nachdenklich und sensibel macht –
und so zu den pädagogischen
Grundsätzen der Geschwister-Scholl-Schule als freiheitliche, offene
und humane Bildungseinrichtung
im Sinne ihrer Namensgeber
passt. tr
BA 22.6.11
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