Todestag der Geschwister Scholl als Anlass zur Erinnerung

Dr. Fritz Kilthau referierte vor Schülern der neunten Klassen in der ehemaligen Auerbacher Synagoge

Bensheim. Es ist eine gute und lange Tradition, dass die Geschwister-Scholl-Schule jedes Jahr an einem festen Termin an ihre Namensgeber erinnert. Am 22. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst in München hingerichtet, weil sie mit ihrer Gruppe "Weiße Rose" zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen hatten.

Zum Gedenken finden am Todestag der Geschwister alljährlich verschiedene Aktionen in der Schule statt. Am 22. Februar 2008 hatte sich die GSS im Rahmen des Projekts "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" klar gegen rechts positioniert.

Am Montag waren zwei neunte Klassen des gymnasialen Zweigs zu Gast in der ehemaligen Synagoge an der Auerbacher Bachgasse, um sich mit den Ereignissen in der so genannten Reichspogromnacht zu beschäftigen. In seinem sehr informativen und anschaulichen Vortrag rekonstruierte Dr. Fritz Kilthau die Geschehnisse rund um den 10. November 1938.

Auf der Grundlage seiner Broschüre "Als die Synagogen brannten" (2009) erläuterte der Vorsitzende des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge die Hintergründe des inszenierten "Volkszorns" gegenüber den Juden sowie die regionalen Nazi-Aktionen im Spiegel einer klar strukturierten Verfolgungsstrategie. Als "Meilenstein der staatlich organisierten Enteignung", kommentierte Kilthau den wirtschaftlichen Aspekt der Novemberpogrome, die in Deutschland den Auftakt der Judenverfolgung markierten.

Ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die jüdische Bevölkerung zur Offenlegung ihres Vermögens gezwungen. Jüdische Geschäftsleute mussten die in der Pogromnacht entstandenen Schäden an Straßen und Gebäuden bezahlen. Jüdische Betriebe wurden zwangsaufgelöst.

Die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben wurde per Verordnung durchgesetzt. Nach dem 10. November mussten die Juden eine Milliarde Reichsmark als "Sühneleistung" an das Deutsche Reich zahlen. Hintergrund war ein tödliches Attentat auf den Legationsrat Ernst vom Rath in Paris, das vom 17-jährigen Herschel Grynspan verübt wurde. Auf der Tat eines Einzelnen haben die Nazis mit einem Vergeltungsprogramm gegen das gesamte deutsche Judentum reagiert. "Die Aktionen waren zentral gesteuert und keine spontanen Gewaltakte der nicht-jüdischen Bevölkerung", betonte Kilthau in Auerbach.

Die gleichgeschaltete Presse hat die Ereignisse um den 10. November "hilfsbereit" begleitet: Der Mordanschlag wurde als Attentat auf das Reich hochgespielt, während die Schändung der Synagogen und die Gewalttaten gegenüber den Juden als normale Reaktion verharmlost wurden. Im gesamten Reich sind in diesen Tagen rund 400 Menschen umgebracht worden.

Über 1400 Synagogen und jüdische Gebetsstuben sowie cirka 7500 Geschäfte, Wohnungen und Kapellen wurden oftmals vollständig zerstört. Gut 30 000 männliche Juden wurden im Zuge der Pogrome in Konzentrationslager verschleppt. Dr. Fritz Kilthau unterstreicht: "Diese Ereignisse wurden von der Bevölkerung wahrgenommen."

Auch auf Bildmaterial aus dem Kreis Bergstraße sieht man Menschen, die Plünderungen der SA und SS beobachten oder sich sogar daran beteiligen. Die Mobilmachung im Kreisgebiet resultierte in der Verwüstung von Synagogen in Bensheim und Lorsch, in Heppenheim und Biblis, Viernheim und Lampertheim. Andere Gotteshäuser wie etwa in Auerbach, Reichenbach und Zwingenberg, blieben mehr oder weniger verschont, da sie zum Zeitpunkt des Pogroms nicht mehr in jüdischem Besitz waren oder nicht mehr als Synagogen genutzt wurden. Nach dem Vortrag blieb Zeit zum Gespräch.

Für den gastgebenden Auerbacher Synagogenverein dankte Hildegard Krämer dem Vortragenden Dr. Fritz Kilthau sowie den Lehrern Peter Ströbel, Friedemann Sonntag und Eva Petermann für das geballte Interesse an diesem wichtigen Kapitel Welt- und Lokalgeschichte. tr

Bergsträßer Anzeiger
24.Februar 2010


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