Geschwister-Scholl-Klassen gedenken eines großen jüdischen Nachwuchstalents

Die Gitarristin Ursula Kurze singt Gedichte der von den Nazis umgebrachten Selma Meerbaum-Eisinger

Mit musikalischem und literarischem Gedenken an eine jüdische Schülerin schloss für 9. und 10. Klassen der Geschwister-Scholl-Schule und die begleitenden Lehrkräfte Herrn Borges, Herrn Dechert und Frau Petermann der letzte Schultag vor den Ferien ab: Die Dresdner Künstlerin Ursula Kurze trug von ihr vertonte Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers vor. Dieses junge Mädchen aus Czernowitz (Bukowina), einer Verwandten von Paul Celan („Die Todesfuge“), hatte mit 15 Jahren angefangen Gedichte zu schreiben. Mit ihren Eltern wurde sie nach Einmarsch der Wehrmacht und SS zusammen mit Tausenden jüdischer Einwohner ins KZ Michailowska deportiert. Sie starb dort mit 18 Jahren an Typhus.

Zwei Freundinnen konnten die insgesamt 57 Gedichte retten. Als diese 1981 nach vielen Umwegen erstmals in der DDR in einem preiswerten Bändchen mit Massenauflage veröffentlicht wurden, kam es auch in die Hände der jungen Musikerin Ursula Kurze.

Sie ging den Spuren des Mädchens nach, bis hin zu jenen Freundinnen, die inzwischen in Israel lebten.

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Ursula Kunze /Foto: Nich

Später setzte die Gitarristin, Komponistin und Sängerin, die lange Zeit am Theater in Rostock tätig war, die außergewöhnliche Schönheit und Tragik dieser Lyrik in Musik um. Die bekannte Heidelberger Autorin Hilde Domins übrigens bewunderte die Originalität von Selmas Versen und reihte sie ein „ins Gut der deutschen Poesie“.

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Den 15- und 16-Jährigen klangen die sehr modernen und überaus expressiven Töne in Ursula Kurzes Vortrag zwar reichlich ungewohnt. Dennoch waren sie offenkundig vom Vortrag über Schicksal und Gedanken und Gefühle der jüdischen Altersgenossin gefesselt. Nicht zuletzt fasznierte Kurzes virtuoses Gitarrenspiel. Einige von ihnen hatten zuvor im Unterricht Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger literarisch nachempfunden. Drei Schülerinnen zeigten hinterher ihre eigenen Gedichte der beeindruckten Ursula Kurze. Der stellvertretende Schulleiter der Geschwister-Scholl-Schule, Karl-Heinz Nichell, dankte der Künstlerin und dankte auch der evangelischen Stephanusgemeinde, die ihre Kirche als würdigen Konzertsaal zur Verfügung gestellt hatte.

Tags zuvor bereits hatte der Vorsitzende der „Geschichtswerkstatt Jakob Kindinger“, Peter Kalb, die vielseitige Dresdner Künstlerin bei der alljährlichen Gedenkveranstaltung für die am Kirchberg von der Gestapo Ermordeten begrüßt. In der ehemaligen Synagoge in der Auerbacher Bachgasse standen auf dem Programm Ursula Kurzes neben der jungen Selma Meerbaum-Eisinger die berühmten jüdischen Autorinnen Else Lasker-Schüler und Rose Ausländer. Letztere stammt ebenfalls aus Czernowitz, einem kulturellen Zentrum im ehemaligen habsburgischen Vielvölkerstaat. Die zahlreichen Besucher waren begeistert und ließen Ursula Kurze nur nach einer langen Zugabe gehen.


27. März 2010

Eva Petermann, im Auftrag der Geschwister-Scholl-Schule

 


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