Gut getarnt auf dem Schulweg

Frühmorgens an der Scholl-Schule: Funktioniert das Fahrradlicht?

Es ist 7.35 Uhr an einem trüben Dezember-Morgen. Langsam beginnt es zu dämmern, aber die Sichtweite ist noch stark eingeschränkt. An zwei Zufahrtsstellen zur Geschwister-Scholl-Schule stehen je sechs Leute und trotzen dem kalten Wind. In zwanzig Minuten wird der Unterricht beginnen. Vor einigen Minuten spuckten die frühen Schulbusse ihre Schülerladungen aus, jetzt biegen die ersten Fahrradfahrer in die Einfahrt ein. An diesem Morgen werden sie allerdings mit einem freundlichen und kräftigen „Guten Morgen!“ von den sechs Personen gestoppt. „Wir machen hier einen Beleuchtungs-Check für Fahrräder“, verkündet Craig Muma, einer der sechs, gut gelaunt.

Craig Muma stammt aus dem Staat New York, seit einigen Jahren arbeitet er als engagierter Englisch-Lehrer im Nachmittags-Angebot der Geschwister-Scholl-Schule. Nebenbei ist er begeisterter Fahrrad-Fahrer, organisiert im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Die fröstelnden freundlichen Helfer vom ADFC Bergstraße und einige Lehrer der Scholl-Schule führen bereits zum dritten Mal zu Anfang des Winters ihren jährlichen Licht-Check für Fahrräder durch.

In den letzten beiden Jahren war das Ergebnis exakt identisch - eine Katastrophe: Von 139 überprüften Fahrrädern waren nur bei 46 Bikes sowohl die Vorder- und Rücklichter als auch die Reflektoren in Ordnung. Zwei von drei Schülerfahrrädern waren also von vorn, von hinten, von der Seite kaum zu erkennen. Und das in der dunklen Jahreszeit.

Dem Fahrrad-Enthusiasten Craig Muma, ehrenamtlichem Fahrradbeauftragtem an der Scholl-Schule, ließen die dunklen Fahrräder keine Ruhe. Er ging zu den Schülern in den Klassen und redete mit ihnen über sichere Fahrräder - auf Englisch. Er spricht perfekt Deutsch, aber selbst die Fünftklässler verstanden sein lebendiges, anschauliches Englisch. So lernten die Scholl-Schüler gleich doppelt.

Freilich - Lernen ist eine Sache, aber haben sie auch ihre Fahrräder in Ordnung gebracht? Die ersten Radler machen den ADFC-Leuten Hoffnung. Manche Räder sind gut gepflegt, alles in Ordnung. Zur Belohnung bekommt jeder diese Schüler eine Brezel.

Einige sind richtig vorbildlich, sie tragen einen Helm (das wird nicht kontrolliert, erfreut aber die Kontrolleure), bei manchen blinken sogar am Helm oder am Rucksack noch LED-Leuchten, andere haben reflektierende Biesen an ihren Jacken.

Doch bei vielen anderen sieht‘s finster aus: kein Licht, keine Reflektoren und dazu noch dunkle Kleidung und kein Helm mit Reflektionsstreifen. So ist der Nachwuchs perfekt getarnt. Wenn es dann noch regnet und die Windschutzscheiben der Autos verschmiert sind, wird‘s gefährlich für die Kids. Gibt es tatsächlich Eltern, die nicht mehr nach ihren Kindern schauen?

Auch ein paar andere Eltern sind wenig vorbildlich. Sie bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule und halten genau dort, wo Schulbusse an- und abfahren und wo sich die Einfahrt zum Fahrradhof befindet. Dort ist zwar absolutes Halteverbot, aber das stört manche nicht.

Schwer zu verstehen sind auch manche gesetzliche Regelungen, z.B. bei Mountain-Bikes. Sie gelten als Sportgeräte, deshalb brauchen sie keine Beleuchtung zu haben. Aber tausende fahren damit nicht im Wald, sondern im Straßenverkehr, oft besonders sportlich-rasant - und viele haben nicht mal Batterie-Lichter aufgesteckt. Aber warum dürfen solche abgemagerten Räder überhaupt verkauft werden?

Oft liegt‘s aber auch am Leichtsinn der Jugendlichen. Wie manch andere hat ein 17-Jähriger seine Lichtanlage gar nicht eingeschaltet. Seine Begründung: „Dann geht die Gangschaltung schwerer.“ Bei anderen sind die Kabel gerissen oder der Dynamo hängt so schief am Hinterrad, dass er mit dem Reifen unmöglich in Kontakt kommen kann. Das macht oft den Eindruck, dass diese Mängel nicht erst seit gestern bestehen.

Bei einer Schülerin aus der Klasse 5Gc ist das offensichtlich. Bei ihr fehlt die komplette Lichtanlage. „Das ist mein neues Fahrrad“, sagt sie. „Das Licht ist noch am alten Fahrrad, das müssen wir umbauen.“ Seit wann fährt sie denn mit dem neuen Fahrrad? „Seit einem Jahr.“

Wie viele andere bekommt auch sie einen Mitteilungszettel für die Eltern, auf dem die ADFC-Mitglieder angekreuzt haben, welche Beleuchtungsteile fehlen oder defekt sind. Aber solche Zettel müssen die Kontrolleure dieses Mal seltener verteilen als in den vergangenen Jahren. Freilich sind sie großzügig und drücken oft - ebenso wie in den letzten Jahren - eineinhalb Augen zu.

Das Ergebnis: 79 Fahrräder sind in Ordnung, 60 nicht. Gegenüber den Vorjahren ist also die Quote der unsicheren Fahrräder von 67% auf 43% zurückgegangen. Craig Muma jubelt: „Hey, man, die Fahrräder sind viel besser geworden! Das ist super!“

Was gibt es für einen Fahrrad-Enthusiasten Schöneres als viele Jugendliche, die mit großem Vergnügen verkehrsgerecht durch die Gegend brettern? Aber von einer Fehlerquote von 43% bis null ist es noch eine weite Strecke. „Wir sind auf dem richtigen Weg“, sagt einer der ADFC-Helfer erfreut. „Ja“, ergänzt Craig Muma, „und wir machen weiter, that‘s for sure.“

R. Poggenhans


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