Die Reife zeigt sich beim Abwasch

63 Abiturienten der Scholl-Schule im Bürgerhaus verabschiedet

Viel Lust auf Freiheit lag über dem Bürgerhaus, als 63 Schüler und Schülerinnen der Geschwister-Scholl-Schule ihre Abitur-Zeugnisse entgegennahmen – die große Freiheit von kleinen Problemen. In einer fröhlichen, selbstbewussten Rede rief Andy Berg, der Sprecher der Abiturienten, seinen Gefährten ins Gedächtnis, was ihnen künftig erspart bleibt: „Nie wieder hoffnungsvoll alle paar Minuten auf den Vertretungsplan schauen. Nie wieder während des Unterrichts auf Toilette gehen, obwohl man eigentlich gar nicht muss. Nie wieder den Spicker wegschmeißen, weil die Druckerschwärze vom Handschweiß verwischt wurde.“

Den Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung konnte Oberstudienrätin Eva Petermann, die Sprecherin der Lehrer, gut nachvollziehen. Die Schuldigen sah sie allerdings in der hessischen Kultusbürokratie, die die Schüler mit immer mehr Prüfungen und Reglementierungen unnötig drangsaliere. Sie kritisierte „Bildungs-Darwinismus, survival of the fittest, Konkurrenz, Selektion, Stoffdruck, G 8“ sowie das hessische Landes-Abitur. Dadurch bleibe nach den umfangreichen Stoff-Vorgaben für das Zentral-Abitur in ihren Fächern Deutsch und Englisch für viele spannende Themen kaum noch Zeit. Sie freute sich daher, dass bei den Bildungs-Demonstrationen der letzten Wochen, die es „sogar mitten in Bensheim“ gegeben habe, „auch die Forderung nach selbst organisiertem und selbst bestimmten Lernen so eine große Rolle gespielt hat.“

Dass die Abiturienten an der Scholl-Schule viel gelernt haben, darin war sich Dr. Silke Koebe als Sprecherin der Eltern sicher: „Das Wissen, das ihr euch jetzt in eurem langen Marathonlauf bis zum Abitur angeeignet habt, die Erfahrungen im multikulturellen Miteinander an dieser Schule befähigen euch zu einem extraordinären Weg. Seid mutig und zeigt euch, lasst euch nicht deprimieren durch Schlagworte wie steigende Arbeitslosigkeit, fallende Aktien und Rezession!“

Auch Studiendirektor Ralf Langhammer, der neue Leiter der Oberstufe an der Scholl-Schule, war stolz auf die Abiturienten seiner Schule. Als das zentrale hessische Landes-Abitur eingeführt worden sei, hätte manch einer der Scholl-Schule prophezeit, dass deren Schüler dabei nicht gut abschneiden würden. Selbstbewusst ließ Langhammer nun die Zahlen sprechen: „In diesem Jahr haben unsere Abiturientinnen und Abiturienten einen Schnitt von 2,5 erreicht – das entspricht genau der landesweiten Abitur-Durchschnittsnote der vergangenen Jahre in Hessen.“

Vier Scholl-Schüler haben in der Oberstufe gleich eine doppelte Qualifikation geschafft. Neben ihrem Schulunterricht absolvierten sie eine Berufsausbildung, und so konnten Annika Titz, Wioleta Chmielewicz und Michael Steinbiß neben dem Abitur auch die erfolgreiche Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten feiern. Und Abiturient Florian Schnell darf sich nun auch „informationstechnischer Assistent“ nennen. Paulina Reichel erhielt als beste Abiturientin ihres Jahrgangs an der Scholl-Schule traditionsgemäß die „Eule der Weisheit“.

Aber – so fragte Studiendirektor Dietrich Hinkeldey, der den erkrankten Schulleiter vertrat – hat jeder, der viel weiß, auch das Zeugnis der Reife verdient? „Ich will es so formulieren: Ein junger Mensch hat dann Reife, wenn er unaufgefordert den Abwasch und die Küchenarbeit macht. Den Abwasch machen – das kann man auch stellvertretend für all die vielen unangenehmen Aufgaben in unserer Gesellschaft verstehen: das Versorgen der Alten, der Kranken, die Zuwendung für Benachteiligte, Behinderte… Ja, unser Verstand sagt uns, dass das alles getan werden muss. Aber ihr seid erst dann reif, wenn ihr nicht wegschaut, wenn ihr bereit seid, euch einzumischen, wenn ihr Verantwortung im Denken und Handeln übernehmt.“ Die Eltern sollten sich daher besser auf Überraschungen gefasst machen: „Wundern Sie sich nicht, wenn morgen der Abwasch gemacht ist.“

Wer später die Abiturienten im Bürgerhaus sah, die bis in die tiefe Nacht ausgiebig und ausgelassen feierten, machte sich deutlich weniger Sorgen darum, dass die verdienstvollen Mütter gleich am nächsten Tag beim Betreten ihrer Küche ungewohnte Schocks erleiden müssten.

R. Poggenhans


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