Lieber kuschelige Schule als achtstündiger Arbeitstag |
85 Hauptschüler der Geschwister-Scholl-Schule erhielten ihre Abschluss-ZeugnisseViele erfreuliche, aber auch manche bedenkliche Tendenzen kamen zur Sprache, als 85 Hauptschüler der Geschwister-Scholl-Schule bei einer Feier in der Mensa ihre Abschlusszeugnisse erhielten. Aus den 9. Klassen waren 62 Schüler zur Abschluss-Prüfung angetreten, nur zwei fielen durch. Die Quote der durchgefallenen Schüler sinkt seit Jahren und hat damit einen neuen, erfreulichen Tiefpunkt erreicht, wie Fritz Eberhardt, der Leiter des Hauptschulzweiges der Scholl-Schule, stolz berichtete. Von den 60 erfolgreichen Schülern schafften 45 den „qualifizierten Hauptschulabschluss“, d.h. ihre Durchschnittsnote war besser als 3,0. In der freiwilligen 10. Hauptschulklasse machten 25 Schüler ihren Abschluss. 14 von ihnen erreichten den „Mittleren Abschluss“, der dem Realschulabschluss gleichgestellt ist und der auch die gleichen Prüfungsanforderungen stellt. Auch hier steigt der Anteil der Zehntklässler mit diesem Abschluss: von 17,5% im Jahr 2006 auf 25 % und 44 % in den Folgejahren bis auf 56 % in diesem Jahr. „Im großen und ganzen habt ihr euch fantastisch entwickelt“, lobte der Hauptschulleiter. In ganz besonderem Maße traf das auf die Klassenbesten zu, die mit Buchgutscheinen geehrt wurden: Oliver Link, Fee Bauer, Najbir Beru und Jennifer Herrmann. Wenn auch alle „viel dazugelernt“ hätten, wie zwei Schülerinnen resümierten, so wäre doch einiges mehr möglich gewesen. Darauf wies der Jahrgangsbeste Oliver Link in einer klugen, selbstbewusst vorgetragenen Rede hin: „Wir waren oft aufmüpfig und frech. Unsere überaus engagierten Lehrer hätten sich phasenweise wohl gefreut, wenn wir uns das alte chinesische Sprichwort >Je stiller du bist, desto mehr kannst du hören< zu Herzen genommen hätten.“ Für „die Lehrer, die euch bis hierher geführt haben und die dabei sicherlich ein paar graue Haare bekommen haben“ – wie Schulleiter Dieter Zangmeister beobachtet hatte, gab es von allen Seiten viel Dank und schöne Geschenke. Aber auch die bereits angedeuteten bedenklichen Tendenzen wurden angesprochen. Fritz Eberhardt, der sich unermüdlich für seine Hauptschüler einsetzt und der auch immer wieder betont, seine Arbeit als Leiter des Hauptschulzweiges mache ihm Spaß, bekannte: Etwas habe ihm nicht gefallen, ja, „es frustriert mich zunehmend, wenn ich sehe, wie wenig Interesse viele Schüler haben, sich um Ausbildungsplätze zu bemühen.“ Nach seiner Beobachtung ist die „warme, kuschelige Atmosphäre an einer Schule“ für viele Hauptschüler deutlich attraktiver als ein achtstündiger Arbeitstag. Er meinte damit nicht diejenigen strebsamen Schüler, die die Zulassung für ein 10. Hauptschuljahr erhalten oder die eine andere weiterführende Schule besuchen wollen. Gemeint waren Schüler, die erst einmal eine geruhsame „Warteschleife“ einlegen wollen, in der sie ihre Einstellungschancen kaum verbessern. Von den diesjährigen Hauptschul-Absolventen haben bislang neun Schüler einen Ausbildungsplatz gefunden. Das sei eine Quote von 15 %, sagte Fritz Eberhardt. Von den neun Schülern mit Ausbildungsvertrag kommen allerdings sechs – vielleicht sogar sieben - aus der „SchuB-Klasse“, dies sind sechs aus einer Klasse von 12 Schülern. „SchuB“ steht für „Schule und Beruf“. In eine solche Klasse werden Schüler aufgenommen, die in der 7. Klasse eher schlechte Leistungen zeigen, die aber zusichern, dass sie sich ernsthaft um einen Ausbildungsplatz bemühen werden. „Das Erfolgsgeheimnis der SchuB-Klassen liegt in den vielen Praktika“, sagte Fritz Eberhardt. Im Praktikum erkennt eine Firma rasch, ob ein Schüler zuverlässig ist und ordentlich arbeitet. Der Hauptschulleiter hat die Erfahrung gemacht: „Heutzutage gibt kein Betrieb einen Ausbildungsvertrag an einen Hauptschüler, den er nicht kennt.“ Daher plant die Geschwister-Scholl-Schule, das „SchuB-Modell“ auszuweiten. Künftig soll es in jedem Jahr zwei dieser Klassen geben. An „Schnuppertagen“ sollen die Hauptschüler Betriebe kennen lernen. Bereits in den 7. Klassen werden künftig die Hauptschüler auf ihre besonderen Talente und ihre Eignung für bestimmte Berufe getestet. Und in einem eigenen Raum können sich bald alle Schüler der Scholl-Schule über angebotene Ausbildungsplätze und Praktika informieren. Viel Hilfe wird den Hauptschülern und insbesondere den „SchuB-Schülern“ geboten: Sie bekommen Unterstützung von den „Paten für Ausbildung“ (PfAu), von Lehrern, Eltern, Sozialarbeitern. Aber am Ende geht es doch nicht ohne eigenes Engagement. Darauf wies Schulleiter Zangmeister hin: „Erfolg – welcher Art auch immer – stellt sich nur ein, wenn man selbst aktiv wird. Dazu wünsche ich euch die Kraft und das Durchhaltevermögen.“ R. Poggenhans |
|
|
|