Schulpolitik soll entspannter werden
Von unserem Redaktionsmitglied Karl-Heinz Schlitt (BA)
"Entspannt." Die Vokabel ging dem neuen Kultusminister der geschäftsführenden Landesregierung, Jürgen Banzer, gestern bei seinem Lokaltermin in der Bensheimer Geschwister-Scholl-Schule (GSS) gleich mehrmals über die Lippen. "Entspannt" - treffender lässt sich der Unterschied zum brachialen Stil von Banzers am Ende glückloser Vorgängerin Karin Wolff nicht beschreiben.
Kein Sendungsbewusstsein
Deren Sendungsbewusstsein ist Banzer fremd. Als ehemaliger Landrat weiß er, dass von Amts wegen verordnete vermeintliche Allheilmittel für bessere Schulen bei Eltern und Lehrern in der Regel nur Widerstand hervorrufen. Nicht zuletzt aufgrund seiner kommunalen Vergangenheit hat der schwergewichtige Doppelminister, der auch noch das Justizressort verantwortet, verinnerlicht, "dass vor Ort die besten Entscheidungen getroffen werden". Seine eigene Aufgabe sieht Banzer darin, "dafür zu sorgen, dass sich das hessische Schulsystem nicht völlig durchdifferenziert".

v. l.: Schulleiter Dieter Zangmeister, der Chef des Staatlichen Schulamts, Gerhard Maier,
Landrat Matthias Wilkes, Kultusminister Jürgen Banzer
Was er konkret damit meint, machte der Minister in einem mehr als zweieinhalbstündigen Gespräch mit der Schulleitung der GSS, dem Chef des Staatlichen Schulamts sowie Vertretern des Personalrats, Elternbeiräten und Schülervertretern deutlich. Mit am Tisch saß über die volle Zeit auch der Bergsträßer Landrat Matthias Wilkes.
Für den Schulträger fand Banzer nur lobende Worte. Wie in kaum einem anderen Kreis in Hessen seien an der Bergstraße, im Odenwald und im Ried mit so viel Tempo und für so viel Geld die Voraussetzungen dafür geschaffen worden, dass Schule über die Mittagspause hinaus reibungslos organisiert werden kann. Die Geschwister-Scholl-Schule hält der Minister für ein Musterbeispiel dafür.
"Spannend" findet der Minister nicht zuletzt das hier praktizierte "Nebeneinander der Schulsysteme". Beeindruckt zeigt er sich von den Erfolgen der SchuB-Klassen in der Hauptschule. Dank des starken Praxisbezugs erfahren hier junge Menschen, die früher schnell durchs Sieb gefallen sind, dass es sich lohnt, sich auf den Hosenboden zu setzen. Überhaupt ist Banzer eine so konsequente Berufsorientierung wie an der GSS - in allen Schulformen - bei seinen Erkundungstouren durch die hessische Schullandschaft noch nirgendwo begegnet.
"G 8" ist kein Eliteabitur
Beim Reizthema "G 8" will der Minister der Schulgemeinde die Entscheidung überlassen. "G 8" ist für ihn kein Eliteabitur, sondern ein Angebot, die Vermittlung des gymnasialen Stoffs auf acht Jahre zu verkürzen. "Unter geschickter Verwendung des Nachmittags" hält Banzer dies ohne übertriebenen Stress für möglich.
Allerdings will Banzer organisatorisch und bei den Lehrplänen "nachsteuern", wie er das nennt. Nicht verhandelbar ist für ihn lediglich, dass der Abiturstandard gehalten und die Zahl der Abiturienten nicht negativ beeinflusst wird.
Für Weichenstellung Zeit lassen
Innerhalb dieses Schnurgerüstes will der Minister es den Schulen überlassen, ob sie an "G 8" festhalten oder zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückkehren wollen. Ideologische Diskussionen will der Praktiker Banzer tunlichst vermeiden. Für ihre Weichenstellungen sollten sich die Schulen lieber etwas länger Zeit lassen, rät der Minister. Aufregung hält er auch hier für fehl am Platz.
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