Der Schriftsteller Patrice Nganang gibt die Hoffnung auf ein besseres Afrika nicht auf – Diskussion in der Scholl-Schule
Oft wird Afrika als der „vergessene“ oder auch der „verlorene Kontinent“ bezeichnet. Denn während viele Länder in Asien und Lateinamerika zumindest ökonomisch gewaltige Fortschritte machen, können sich offenbar die meisten Staaten Afrikas aus ihren wirtschaftlichen und politischen Dauerkrisen nicht befreien. Um den Gründen für diese Entwicklung nachzugehen, luden die Geschwister-Scholl-Schule und das AKG mit Unterstützung des Nord-Süd-Forums einen interessanten Referenten ein.
Der 38-jährige Patrice Nganang studierte zunächst in seinem Heimatland Kamerun, später in Frankfurt, wo er auch promovierte, und ist heute Assistant Professor für Französisch und Deutsch an einer Universität in New York. Daneben veröffentlicht er seit einigen Jahren Essays, Literaturkritiken, Gedichte und Romane. Für seinen Roman „Hundezeiten“, der in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, spielt, erhielt er bedeutende Literaturpreise.
Bei seinem Vortrag in der Geschwister-Scholl-Schule gewann der jugendlich wirkende Schriftsteller rasch die Herzen der Schüler, denn er räumte sehr freimütig die Probleme seines Heimatlandes ein. Aber er beklagte sich nicht missmutig darüber, sondern flüchtete sich in eine feinsinnige Ironie, die es ihm immer wieder erlaubte, sich auch über unglaubliche Missstände in seiner Heimat zu amüsieren. („Ich lache darüber. Manche Sauereien sind lustig.“)
Eine der erschreckenden „Sauereien“ in Kamerun ist die fehlende Rechtssicherheit. Jeder kann jederzeit wegen jedes Delikts verhaftet werden, egal, ob er ein Gesetz gebrochen hat oder nicht. Patrice Nganang zieht aus dieser Willkür den Schluss: Es lohnt sich nicht, seine kritische Haltung gegenüber der Regierung zu verbergen.
Man muss nur seine Angst überwinden. Also schrieb Patrice Nganang unter seinem richtigen Namen seine wahre Meinung über Kamerun. Und siehe da: Es durfte sogar als Buch und in Zeitungen Kameruns veröffentlicht werden, und der Autor durfte eine Vortragsreise durchs Land machen.
Wogegen geht er an? Die Korruption sei ein Grundübel in Kamerun, sagt er. Sogar sein ehemaliger Professor sitze jetzt wegen Bestechlichkeit im Gefängnis. Der habe das doch bestimmt nicht nötig, sagt Patrice Nganang, er schämt sich für ihn.
Der junge Autor schämt sich auch für sich selbst, das betonte er mehrfach. In Kamerun werden 236 Sprachen gesprochen. Doch er selbst spricht nur eine einzige davon, und das ist Französisch. Alle übrigen afrikanischen Dialekte beherrscht er nicht, und dafür schämt er sich. Er besuchte eine der französischen Schulen in Kamerun, aus der sich die Oberschicht des Landes rekrutiert. Das machte viele Schüler, die sich sehr lebhaft an der Diskussion beteiligten, nachdenklich: Viele Angehörige der Oberschicht sprechen nicht die Sprache des Volkes. Wie groß muss die Kluft zwischen Arm und Reich dort sein? Können sich die Bevölkerungsteile überhaupt verstehen?
Aus der Oberschicht kommt dann die Führung des Landes, die sich erschreckend lange an der Macht hält. In allen Staaten des frankophonen Afrika sind die Potentaten zwischen 16 und 40 Jahre an der Macht. Die Korruption spielt auch bei Wahlen eine Rolle. In Togo verschwanden kürzlich Wahlurnen.
Leider ist oft die Opposition nicht viel besser. „Der Führer der Opposition in Kamerun ist eine Schande“, sagte Nganang. Im Grunde genommen sei es immer der gleiche Typ von Politiker, der gewählt werde.
Wie kommt es, dass mit schlimmer Regelmäßigkeit ein neuer Machthaber sogleich Angehörige seiner Sippe in höchste Positionen hievt, um sich dann seine eigenen Taschen mit Millionen vollzustopfen, während ringsum die Menschen hungern? In Afrika, so Nganang, gebe es keine Kultur der Öffentlichkeit, keine Tradition des guten Bürgers, der sich für alle Staatsbürger verantwortlich fühle.
Genau das versucht Patrice Nganang mit seinen Büchern, mit seinen Lesereisen zu verändern. Aber einen grundlegenden Wandel zu erreichen, ist unendlich schwer. „Der Sumpf ist unendlich“, sagte Nganang.
Aber er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Patrice Nganang ist ein unverbesserlicher Optimist. Vielleicht sind Leute wie er eine der wenigen Hoffnungen, dass der verlorene Kontinent in nicht allzu ferner Zukunft doch noch zu einer prosperierenden, demokratischen Region werden könnte.
R. Poggenhans
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