Die tiefe Kluft
zwischen Juden und Arabern überwinden – Vortrag in der Geschwister-Scholl-Schule
Wie klein ist doch die Welt! Da nimmt Oberstudienrat
Franz Josef Schäfer,
Geschichtslehrer an der Geschwister-Scholl-Schule, in seinen Ferien
an einer Studienfahrt nach Israel teil. Und mitten in Israel wird er
plötzlich von Torsten Reibold aus Lorsch erkannt, der von 1984
bis 1990 den Realschulzweig der Scholl-Schule besucht hatte. Nach dem
Abitur studierte er Soziologie und Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt
Friedens- und Konfliktforschung. Danach machte der Lorscher zunächst
ein halbjähriges Praktikum bei der israelischen Organisation Givat
Haviva, die sich darum bemüht, jüdische und arabische Jugendliche
in Israel zusammenzubringen. Seit vier Jahren arbeitet Torsten Reibold
mittlerweile fest bei dieser Bildungseinrichtung. Und was er der deutschen
Reisegruppe über die Arbeit der Givat Haviva berichtete, fand
Lehrer Schäfer so spannnend, dass er ihn bat, dasselbe auch den
heutigen Scholl-Schülern in Bensheim zu erzählen.
Dazu war Torsten Reibold gern bereit, und jetzt gestaltete er vor
Oberstufenschülern seiner alten Schule zwei fesselnde Unterrichtsstunden über
ein Land, von dem die Schüler sonst hauptsächlich etwas in
kleinen Häppchen in den Fernseh-Nachrichten sehen.
Sie erfuhren einige Hintergründe über das Verhältnis
zwischen arabischen und jüdischen Jugendlichen in Israel, über
das im Fernsehen selten etwas zu sehen ist. Die beiden Bevölkerungsgruppen
leben getrennt in ihren Wohnbezirken oder ihren eigenen Dörfern,
gehen in ihre eigenen Schulen, sehen ihre eigenen Fernsehprogramme,
haben auch in ihrer Freizeit so gut wie keinen Kontakt miteinander
und treffen – wenn überhaupt – oft erst aufeinander,
wenn sie ein Studium beginnen.
Als junge Studenten haben sie aber bereits eine feste
Vorstellung von der anderen Bevölkerungsgruppe – gespeist
aus Zeitungen, dem Fernsehen und vom Hörensagen. Und 99% dieser
gegenseitigen Vorurteile, so sagte Torsten Reibold, „sind negativ.
Man kann es sich kaum vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat.“ Auch
die Geschichte Palästinas wird in arabischen und jüdischen
Schulen sehr unterschiedlich gelehrt. Jeder sieht nur die Ungerechtigkeit,
die seiner Volksgruppe vom Feind zugefügt worden ist. Die Gründung
des Staates Israel ist für den einen eine Erfolgsgeschichte, für
den anderen eine persönliche Katastrophe. Selbst die sprachliche
Verständigung ist schwierig. Die arabischen Kinder müssen
Hebräisch in den israelischen Schulen lernen, für die jüdischen
Schüler ist Arabisch keine verpflichtende Fremdsprache.
An dieser Stelle setzt die Organisation Givat Haviva an. Sie bietet
Sprachkurse für Jugendliche an, und mit der Sprache will sie auch
Kenntnisse über die Kultur der anderen vermitteln. Daneben gibt
es bei Givat Haviva gemeinsame Segel- und andere Sportkurse, es werden
Zusammentreffen von Frauen und Berufstätigen aus beiden Kulturkreisen
organisiert. Besonders beliebt sind Kunst-Workshops, z.B. Fotografie-Kurse.
Am Ende dieser Kurse laden die Teilnehmer sich gegenseitig nach Hause
ein, um gemeinsam die Fotos anzusehen.
„Das ist ein unglaublicher Schritt“, sagte Torsten Reibold, „das
ist ja der Feind, den ich in meine Wohnung lasse. Oft erkennen sie
dann ganz überrascht: Die anderen leben ja genauso wie wir.“ Schon
die Begegnung in den Kursen sei ungeheuer wichtig. „Da kommen
Leute zusammen, die wahrscheinlich noch nie zuvor länger mit Menschen
der anderen Gruppe gesprochen haben. Jetzt unterhalten sie sich auf
gleicher Augenhöhe. Das ist ein nicht zu unterschätzendes,
ganz großes Ereignis.“
Viele Scholl-Schüler waren überrascht. Dass die israelische
Gesellschaft so gespalten ist, dass man nicht mal miteinander redet,
das war den meisten nicht klar. Zudem vertieft momentan noch die große
Politik den Graben zwischen den Bevölkerungsgruppen. Da ist es
für viele unverständlich, dass der israelische Staat nicht
eigene Projekte betreibt, um die Kluft zwischen seinen Bürgern
zu überwinden. Givat Haviva ist nicht-staatlich, sie ist sogar
die größte nicht-staatliche Organisation Israels, aber es
gibt nur sehr wenige solcher Projekte, und die israelische Regierung
hat die finanziellen Zuwendungen dafür sogar gekürzt.
Deshalb ist Torsten Reibold seit Jahren in Europa unterwegs, um von
Regierungen und wohltätigen Organisationen Spenden für Givat
Haviva zu erbitten. „Das ist meine Hauptaufgabe für Givat
Haviva“, sagt er.
Ohne Zweifel ist es eine wichtige und notwendige Aufgabe, die Arbeit
dieser Organisation zu unterstützen, fanden die Scholl-Schüler.
Der eine oder andere konnte sich sogar vorstellen, dort ein Praktikum
abzuleisten – als echte Friedensarbeit. Wenn Oberstudienrat Schäfer
das nächste Mal nach Israel reist, trifft er dort vielleicht noch
mehr ehemalige Scholl-Schüler.
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