„Viele Hauptschüler gucken gar nicht nach Ausbildungsplätzen“ – Entlassungsfeier in der Scholl-Schule
Über die 77 Hauptschüler der Geschwister-Scholl-Schule, die im Forum der Schule verabschiedet wurden, sagte der Hauptschul-Leiter Fritz Eberhardt, dies sei ein besonders guter Jahrgang. Aus der 10. Klasse schafften elf Schüler den Mittleren Abschluss, der der Mittleren Reife der Realschule gleichgestellt ist. Und von den 63 Neuntklässlern erreichten 45 Schüler einen „Qualifizierten Hauptschulabschluss“, d.h. eine Durchschnittsnote von 3,0 oder besser. Ohne Abschluss verlassen in diesem Jahr nur zwei Schüler die Hauptschule, im vergangenen Jahr waren es sieben, im vorletzten Jahr sogar elf Jugendliche.

Überaus erfreulich ist auch: Es gibt mehr Ausbildungsplätze, auch innerhalb des Kreises steht Bensheim besonders gut da. 12 Neuntklässler und 4 Zehntklässler werden voraussichtlich eine Lehrstelle bekommen. Allerdings – und hier werden die guten Nachrichten zu schlechten Nachrichten – haben die Lehrer der Scholl-Schule noch 40 weitere Lehrstellen-Angebote für Hauptschüler gesammelt, für die sich aber kaum einer ihrer Schüler bewerben will. Immer noch gebe es zu hohe Erwartungen, klagte Fritz Eberhardt. Viele Jungs wollen unbedingt Kfz-Mechatroniker werden, dabei sei es für Hauptschüler „fast unmöglich“, den Theorieteil der Ausbildung zu schaffen.
Ein weiteres Problem stellt Fritz Eberhardt so dar: „Viele Hauptschüler gucken gar nicht nach Ausbildungsplätzen, sie sind sehr stark schulorientiert.“ Sie fühlen sich auf der Schule offenbar sehr wohl und haben keine Lust, sich dem rauen Berufsalltag auszusetzen. Der Übergang auf Berufsfachschulen ist oft sinnvoll, andere Schüler ziehen aber auch bewusst Warteschleifen, die ihre Berufschancen kaum verbessern. Manche Hauptschüler drehten ihre Warteschleifen bereits auf der Scholl-Schule. Klassenlehrerin Gabriele Thiele berichtete von erschreckenden Fehlzeiten in allen Fächern. „Besonders den Sport halten viele offenbar für gesundheitsschädlich. Da geht man einfach nicht hin. Das Resultat ist die Note 6. Und die muss erst mal ausgeglichen werden.“
Auch sonst war der Ehrgeiz oft nicht sehr ausgeprägt. Manche verbummelten ganze Schuljahre, gaben nach Misserfolgen zu schnell auf, Hausaufgaben wurden einfach nicht gemacht. Erst für die Abschlussprüfung strengten sich fast alle an und zeigten auch gute Leistungen, aber das war dann zu spät für die Bewerbungszeugnisse.
Einen besonders krassen Fall schilderte Hauptschulleiter Eberhardt: In einer Klasse, in der er Mathematik unterrichtete, wurde er von einem Schüler am Anfang jeder Klassenarbeit gefragt: „Wie viele Aufgaben brauche ich für eine Vier?“ Wenn er zur Antwort erhielt „vier Aufgaben“, gab er seine Arbeit ab, sobald er vier Aufgaben gerechnet hatte. Auf den Einwand des Lehrers, vielleicht habe der Schüler ja mal falsch gerechnet, ließ er sich allenfalls bewegen, noch eine Aufgabe mehr zu bearbeiten – und gab seelenruhig ab, obwohl noch mehr als die Hälfte der Arbeitszeit zur Verfügung stand. Dabei schauen immer mehr Betriebe – quer durch alle Branchen – bei Einstellungen auf die Mathematik-Note.
Gerade von den Jungs gibt es viele, die – so Fritz Eberhardt – „aufgrund ihres Verhaltens in der Hauptschule gelandet sind, nicht aufgrund ihrer Intelligenz“. Solche absolut lustlosen Schüler machen den Lehrern die Arbeit nicht leichter, obwohl sie sich – wie die Klassenlehrer Martin Zipp, Jens Frohnapfel, Christopher Breitwieser, Gabriele Thiele und Saskia Kuhn – oft mit bewundernswerter Geduld für ihre Schüler einsetzen.
„Wir können den Lehrern nur dafür dankbar sein, dass sie uns auch verzeihen konnten. So ein gutes Verhältnis ist sehr ungewöhnlich.“, sagte Jonas Roth als Sprecher der Schüler. Hilfe für die Schüler kam auch von den „Paten für Ausbildung“ (PfAu) - das sind Berufstätige und Pensionäre. Sie unterstützen die Schüler bei der Bewerbung und eröffneten den Zugang zu Betrieben. „Enge Kontakte zur Wirtschaft sind unverzichtbar“, sagt Fritz Eberhardt. „Eine Blind-Bewerbung ist für einen Hauptschüler völlig sinnlos. Er hat nur eine Chance, wenn der Betrieb ihn kennt.“ Daher weitete die Scholl-Schule auch die Betriebs-Praktika auf sechs Wochen in drei Etappen in den 8. und 9. Klassen aus.
Praxisorientierung gibt es besonders in den den „SchuB-Klassen“ (Schule und Betrieb). In diese kleinen Klassen kommen nur Schüler, die aufgrund ihrer Leistungen in der 7. Klasse schlechte Berufschancen haben, die sich aber anstrengen und glaubhaft um Ausbildungsplätze bemühen wollen, hilfreich sind hier insbesondere die beiden Praxistage pro Woche.
Außer den Lehrern bemühte sich auch Sozialarbeiterin Doris Hinkeldey intensiv um jeden einzelnen Schüler. Erfolg: Sechs von elf Schülern haben jetzt einen Ausbildungsplatz. Fazit: Es geht. Aber es ist unendlich mühsam.
R. Poggenhans
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