Flugblätter für die Frankfurter Oper
700 Scholl-Schüler halfen bei der Inszenierung – Den Opernraum beeindruckend gestaltet

„Ich weiß nicht, ob euch das klar ist: Ihr seid an einer Opern-Produktion beteiligt.“ Dieses dicke Lob kam von Deborah Einspieler, Dramaturgin an der Frankfurter Oper, und es galt etwa 700 Schülern der Geschwister-Scholl-Schule. Es war gewiss ein bewusst schmeichelhaftes Kompliment, aber es brachte wohl auch viel Dankbarkeit zum Ausdruck, denn diese Art der Zusammenarbeit zwischen der Oper Frankfurt und der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim war für beide Institutionen eine völlig neue Erfahrung.

Dabei kann die Kooperation zwischen der Geschwister-Scholl-Schule und der Oper Frankfurt auf eine 15-jährige Tradition zurückblicken. So lange schon führt Musiklehrer Rolf Bladt Opernprojekte durch, in denen die Scholl-Schüler nicht nur im Musikunterricht eine Oper erarbeiten, deren Aufführung sie anschließend besuchen, sondern die Schüler haben auch Gelegenheit, an Opernproben teilzunehmen, die Arbeit in den Werkstätten und die Bühnentechnik kennen zu lernen und mit den Künstlern zu sprechen.

Als nun im vergangenen Jahr die Oper Frankfurt eine Schule suchte, die bereit war, aktiv an einer Opernproduktion mitzuwirken, bot Rolf Bladt der Leitung der Frankfurter Oper sofort die Mitarbeit der Geschwister-Scholl-Schule an. Das neue Frankfurter Projekt - die Oper „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann – war ideal für eine Zusammenarbeit mit der Bensheimer Scholl-Schule.

„Weiße Rose“ ist keine Oper im herkömmlichen Sinn. In 16 Szenen, die assoziativ verknüpft sind, werden Hans und Sophie in der Stunde vor ihrer Hinrichtung gezeigt. In visionären Bildern, Selbstgesprächen und betrachtenden Monologen verarbeiten Hans und Sophie Scholl Erinnerungen an Fronterlebnisse, Ängste beim Abtransport von Kindern, die letzte Begegnung mit den Eltern. Der Todesangst begegnen sie mit Zweifeln und Hoffnungen, bis beide das Urteil und den Tod akzeptieren. Das Stück ist eine Parabel über den inneren Widerstand gegen Machtmissbrauch und Gewalt. Udo Zimmermann versteht es als „ein Stück gegen die Gleichgültigkeit“.

Mit dieser Thematik sind die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim natürlich vertraut. Als Namensträger der Geschwister Scholl, die sich in der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ gegen die Nazi-Diktatur erhoben und dafür am 22. Februar 1943 hingerichtet wurden, fühlt sich die Geschwister-Scholl-Schule Bensheim dem geistigen und politischen Vermächtnis der Weißen Rose in besonderer Weise verpflichtet. Diese Tradition den Schülern zu vermitteln, ist wesentlicher Teil des Schulprogramms der Geschwister-Scholl-Schule.


v.l. Rolf Bladt, Dirigent Yuval Zorn, Dramaturgin Deborah Einspieler, Regisseur Christoph Quest

Und so waren bald über 700 Schüler aller Altersstufen bereit, an der Inszenierung mitzuwirken. Die Idee kam von Regisseur Christoph Quest: Die Mitglieder der „Weißen Rose“ hatten Flugblätter gegen die Nazi-Diktatur verfasst und in Deutschland verbreitet. Die heutigen Scholl-Schüler sollten nun auf der Grundlage der Weiße-Rose-Flugblätter eigene Flugblätter gestalten, in denen Wörter, Wortfetzen oder Sätze aus den Original-Flugblättern künstlerisch dargestellt wurden. Diese neuen Flugblätter sollten vor der Aufführung die Frankfurter Zuschauer auf die Thematik einstimmen. So entstanden in Bensheim fast 2000 Blätter.

In Frankfurt war man beeindruckt. Deshalb kamen die drei Leiter des Produktionsteams - Regisseur Christoph Quest, die Dramaturgin Deborah Einspieler und der musikalische Leiter und Dirigent Yuval Zorn - nach Bensheim. Sie standen unter Zeitdruck, weil einige Proben infolge der Krankheit eines Sängers ausgefallen waren. Dennoch wollten sie die geplante Veranstaltung keinesfalls absagen, sie wollten den Schülern danken und ihnen einen Einblick in die Oper „Weiße Rose“ geben.


Der Vortrag der drei Künstler im vollbesetzten Forum der Schule lohnte sich: Dirigent Yuval Zorn (Wohnsitz: London und Jerusalem) erklärte den Schülern am schuleigenen Konzertflügel die Musik von „Weiße Rose“, und die Dramaturgin Deborah Einspieler erläuterte die Konzeption der Oper.

Besonders beeindruckend war der Auftritt von Christoph Quest, einem vorzüglichen Schauspieler, der schon mehrfach in Film und Fernsehen zu sehen war und der nun in der „Weißen Rose“ erstmals als Opern-Regisseur arbeitet. „Ich kann es, weil ich es lernen will“, sagte er. Ein Mann mit ungeheurer Energie, Konzentration und Präsenz, der den Schülern unter anderem die Kraft der Stille erläuterte – die „Weiße Rose“ beginnt mit Stille. Und während er von der Stille sprach, übertrug sich seine Konzentration auf die Zuhörer, und man hätte im voll besetzten Forum der Scholl-Schule die berühmte Stecknadel fallen hören können.

Christoph Quest lud die Schüler ein, nach Frankfurt zu kommen und die Flugblätter im Bockenheimer Depot – dort wird die Oper aufgeführt – aufzuhängen. Drei Tage lang waren Schüler aus mehreren Klassen in Frankfurt damit beschäftigt, die Flugblätter an Schnüren zu befestigen und auf diese Weise eine riesige Wand aus Flugblättern wachsen zu lassen, die das Foyer des Bockenheimer Depots beherrscht. So entstand eine zehn Meter hohe Wand aus Flugblättern mit einer Öffnung in der Mitte, durch die die Opernbesucher hindurchgehen, um zu ihren Plätzen zu gelangen. „Die Wand ist überwältigend“, so empfanden es die Schüler.

Zur Generalprobe, die normalerweise nicht öffentlich ist, fahren etwa 250 Scholl-Schüler. Nach der Premiere werden weitere 300 Schüler die Aufführungen sehen. Nach der intensiven Vorbereitung sind manche schon sehr gespannt. Wenn sie wirklich an dieser Opern-Produktion beteiligt waren, dann ist es ja ein Stück weit auch „ihre“ Oper.

R. Poggenhans

 


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