| Kann die Schule alle Probleme von Kindern lösen ? |
109 Scholl-Schüler erhielten Zeugnis der Mittleren Reife - Die verspätet entdeckte Lust auf Schule Ein wenig zu klagen hatte jeder. Alle behaupteten: `Wir bemühen uns ja, aber früher war die Arbeit einfacher.´ Dieser Tenor war durchgängig in den Reden zu hören, als 109 Schülerinnen und Schüler des Realschulzweiges der Geschwister-Scholl-Schule die Zeugnisse der Mittleren Reife erhielten. Martina Barnewold, die Leiterin des Realschulzweiges, sagte: „Wir haben uns trotzdem für euch und mit euch viel Mühe gegeben.“ Das „trotzdem“ hieß: obwohl den Lehrern zusätzlich zu ihren traditionellen Pflichten immer neue Aufgaben draufgepackt werden. Martina Barnewold zählte einige Beispiele aus der aktuellen Diskussion auf: „Kinder werden immer dicker und unbeweglicher, sie ernähren sich zu ungesund, sie können sich nicht mehr gut benehmen, sie werden immer aggressiver und gewaltbereiter, sie rauchen, trinken und kiffen, sie gehen unkritisch mit Computer, Internet, Fernsehen und Handys um.“ Dies sei nur ein Auszug aus der großen Zahl von Fällen, wo stets die Forderung laut werde: Darum muss sich die Schule kümmern. „Das geht nach dem Motto: Wenn uns keine Lösung einfällt, fällt uns Schule ein. Aber soll, kann, muss, will die Schule alles vorher Genannte alleine leisten? Wer hilft uns dabei?“ fragte Martina Barnewold. Allerdings sei es „nicht so, dass Lehrer grundsätzlich nur in ihrer Beamtenidylle verharren wollen und prinzipiell gegen Veränderungen und Neuerungen sind. Nur sinnvoll sollten sie sein – im Sinne aller Betroffenen.“ Möglicherweise fühlt sich mancher der Schüler von heute schon mit altem Schulstoff überfordert. Dieter Zangmeister, Direktor der Geschwister-Scholl-Schule, zitierte Uli Löchner: „Statt rechnen und Vokabeln bimsen / am Handy plappern und Unsinn simsen.“ Ab und zu habe er bei den jetzigen Realschul-Absolventen Vertretungsunterricht gehalten, erinnerte sich der Schulleiter. „Aus diesen Erfahrungen heraus erscheint mir das Zitat durchaus passend. Manchmal hatte ich schon den Eindruck, dass die Verwendung des Gehirns von euch als unzumutbare Anstrengung angesehen wird. Trotzdem stimmt es in dieser Pauschalität natürlich nicht.“ In den Abschlussprüfungen habe er „einige sehr schöne Leistungen gesehen, die gezeigt haben, dass ihr doch bereit seid, euer Gehirn zu verwenden. Macht weiter so!“ Die besonders guten Leistungen der Klassenbesten wurden mit Buchgutscheinen belohnt. Darüber konnten sich Steffen Elgner, Nicolai Streit, Robert Schreiber und Misbah Ahmed freuen. Das Rennen um den Schulbesten ging äußerst knapp aus: Sowohl Nina Turinski als auch Sascha Niemes schafften die Durchschnittsnote 1,3, aber im Zieleinlauf hatte Sascha die Nase vorn, denn in allen vier Prüfungsfächern bekam er eine Eins. Gute Leistungen, so sagte Schulleiter Zangmeister, erbringe man im allgemeinen nur dann, „wenn man Spaß bei dem hat, was man macht. Die Umkehrung gilt genauso: Dadurch, dass man eine Sache gut kann, wächst auch der Spaß daran. Ich möchte euch ermuntern: Besinnt euch auf eure Stärken – und die hat jeder von euch, das habt ihr bewiesen. Dann findet ihr Freude an eurer Tätigkeit und ihr bringt bessere Leistungen. Ich unterstelle hier indirekt, dass viele schlechte Leistungen in der Schule durch mangelnden Spaß am Unterricht verursacht werden. Wer jetzt aber voreilig den Schluss zieht, man bräuchte nur die Schüler besser zu motivieren, und schon wäre alles besser, der irrt gewaltig. Irgendwann ist jeder Lernprozess mit Anstrengung verbunden, z.B. beim Vokabellernen, und dann beobachten wir immer wieder, wie schnell das Interesse nachlässt. Trotzdem meine ich, wenn wir es schaffen, uns mehr vom herkömmlichen Unterricht zu lösen und mehr projektorientiert zu arbeiten, dann können wir die Motivation unserer Schüler steigern.“ Aus Sicht der Schüler wäre eine Steigerung der Motivation höchst wünschenswert. Als Sprecher der Schüler sagte Onur Piskin : „Es gab oft Zeiten, in denen Schule langweilig war. So langweilig, wie manche Unterrichtsgarantie-plus-Stunde überflüssig war.“ Sein Resümee: „Wir Schüler haben uns an dieser Lehranstalt ganze sechs oder sieben oder acht Jahre durchgebissen.“ In der Tat gab es offenbar erschreckend viele Sitzenbleiber. Vor drei Jahren, so erinnerte sich Klassenlehrerin Katja Collatz, habe sie eine 8. Klasse mit 28 Schülern übernommen. Nur neun von ihnen konnten ohne das Einlegen einer Ehrenrunde „schon“ in diesem Jahr ihr Zeugnis der Mittleren Reife mit nach Hause nehmen. Für alle ihre Schüler hatte Katja Collatz in einer in perfektem Englisch vorgetragenen Rede einen guten Ratschlag: „Never give up.“ Auch die Elternsprecherin Elisabeth Erbe redeten den durchgefallenen Schülern ins Gewissen: „Diejenigen, die es nicht geschafft haben, sollen dies als eine Chance sehen. Geht positiv, aber mit Ehrgeiz an euer Ziel, um im nächsten Jahr einen guten Abschluss zu erreichen. Ich selbst bin innerhalb der Ausbildung tätig und weiß, wie wichtig im Betrieb gute Noten sind.“ Die Bedeutung einer guten Ausbildung haben offenbar auch viele von denen erkannt, die jetzt mit der Mittleren Reife ihren Schulabschluss feierten. Bei vielen ist von „null Bock auf Schule“ und von mangelnder Motivation nichts mehr zu bemerken. Ein großer Teil von ihnen will künftig auf eine Fachoberschule oder auf die gymnasiale Oberstufe der Scholl-Schule gehen – und damit weiterhin die Schulbank drücken. R. Poggenhans |
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