„Wir alle haben geschoben und geschoben“

Vielfältige Hilfen für Hauptschüler der Scholl-Schule – 85 Absolventen verabschiedet

Die feierliche Abschlussfeier für 85 Hauptschüler der Geschwister-Scholl-Schule bot ein schönes Bild: Die meisten Absolventen hatten sich richtig fein gemacht, mit vielen Geschenken bedankten sie sich für den besonderen Einsatz ihrer Lehrer, die Atmosphäre war familiär und von gegenseitigem Respekt geprägt. Aber es wurde auch deutlich: Dieses Bild zeigt nur die Schokoladenseite der Hauptschule, die andere Seite der Medaille ist: Die Lehrer müssen einen immensen Aufwand betreiben, um viele Hauptschüler aus ihrer Lethargie zu reißen und möglichst viele zu einem guten Abschluss zu führen.

Das pädagogische Konzept der Scholl-Schule formulierte der stellvertretende Schulleiter Karlheinz Nichell auf der Abschlussfeier so: „Ihr seid einzigartig, weil ihr alle Unikate seid. Keine Klone.“ So versuchen die Lehrer der Geschwister-Scholl-Schule möglichst jedem ihrer Hauptschüler mit seinen individuellen Problemen zu helfen – mit großer Geduld, vielen Rückschlägen, aber auch mit zunehmendem Erfolg, denn – so formulierte es Karlheinz Nichell - „euer Glück oder Unglück ist auch das unsere. Und das auch nachhaltig über die Entlassung hinaus.“

Ein Beispiel für die vielfältigen Hilfestellungen ist die so genannte „SchuB-Klasse“, die an der Geschwister-Scholl-Schule vor zwei Jahren erstmals eingerichtet wurde. „SchuB“ bedeutet „Schule und Betrieb“. SchuB-Schüler gehen in den 8. und 9. Klassen jede Woche nur drei Tage in die Schule, und die restlichen zwei Tage machen sie ein Praktikum in einem Betrieb.

Für das besondere Förderprogramm der SchuB-Klasse wurden Schüler ausgewählt, bei denen vorher vieles auf ein schulisches Scheitern hindeutete: schlechte Noten, Lustlosigkeit, hohe Fehlzeiten. So wurde eine extrem kleine Klasse mit nur 12 Schülern zusammengestellt, für die zudem noch ein engagierter Schulsozialarbeiter als Betreuer eingestellt wurde. Die „Paten für Ausbildung“ (PfAu), das sind ehrenamtliche Helfer mit viel Berufserfahrung, kümmerten sich auch gezielt um diese Schüler, sie knüpften Kontakte zu Betrieben und machten ein Bewerbungstraining mit den Schülern. Für Klassenlehrerin Melanie Schmidt bedeutet „SchuB“: „Wir alle haben geschoben und geschoben.“ Erfolg: Von den 12 SchuB-Schülern schafften 11 den Hauptschulabschluss, und vier haben jetzt eine Lehrstelle sicher.

Auch in den übrigen Klassen gelang es, die Abbrecher-Quote deutlich zu senken. Im letzten Jahr verließen elf von 60 Hauptschülern die Schule ohne Abschluss, dieses Jahr sind es sechs von 58, und der nächste Jahrgang ist auch vielversprechend, denn die jetzigen Achtklässler schnitten im hessenweiten Mathematikwettbewerb dieses Jahr gut ab.

Wie schwer solche Erfolge zu erringen sind, machte die Klassenlehrerin Gabriele Thiele in ihrer Rede deutlich: Oft habe im Zeugnis die Sport-Note sechs eingetragen werden müssen, „da ihr einfach geschwänzt habt. An den Bundesjugendspielen im Weierhaus-Stadion nahmen von 40 Zehntklässlern gerade einmal sieben Schüler teil. Schaut sich ein Betrieb euer Zeugnis an, ist der Rückschluss: Der Bewerber ist unzuverlässig.“

Auch Elisabeth Schuhmann, die Vorsitzende der Elternvertretung, redete den Schülern ins Gewissen: „Das Glück ist mit den Strebsamen. Habt Mut, euch Ziele zu setzen, und seid dankbar, dass euch Menschen an die Seite gestellt sind wie eure Lehrer oder die Ausbilder in den Betrieben, die euch helfen, selbstständig zu werden, eure Flügel zu entwickeln.“

Manche Flügel sind jetzt schon ganz ansehnlich: Von den 85 Absolventen erreichten 32 einen „qualifizierten Hauptschulabschluss“ mit einer Durchschnittsnote von 3,0 oder besser. Dieser Abschluss berechtigt zum Besuch einer Berufsfachschule, und diese Chance zur weiteren Qualifikation wollen auch viele von ihnen nutzen. Und 11 Schüler aus den 10. Hauptschulklassen schafften sogar den „mittleren Abschluss“, der mit der Mittleren Reife der Realschüler gleichgestellt ist. Der beste von ihnen: Christian Schmoock-Ibanez.

Viel Lob gab es auch für die übrigen Klassenbesten: Gianpero Salotti, Jennifer Hanß, Lisa-Marie Göbel und Sabrina Eiermann, die von ihren Klassenlehrern – Frau Reich, Frau Keil, Frau Schmidt, Frau Thiele, Herrn Schlaak und Herrn Zwierlein – ausgezeichnet wurden. Den Vogel schoss aber Matthias Moninger ab, der Klassenbeste der SchuB-Klasse: Während seines Praktikums und mit seinen Anstrengungen in der Schule präsentierte er sich so überzeugend, dass er eine Lehrstelle als technischer Produkt-Designer ergatterte – eine Stelle, die ursprünglich für einen Abiturienten oder einen sehr guten Realschüler ausgeschrieben war.

R. Poggenhans

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