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PROJEKTTAGE: Referendar
Christopher Breitwieser und seine Schüler befassten sich mit dem Thema
Wellness / Massage und Menüs
Bensheim. Wellness in der Schule? Gestandene Pauker dürfte die Idee eher
amüsieren. Schließlich schreiben die Lehrpläne bestimmte Inhalte vor,
die vermittelt sein wollen. Dass gut leben und lernen keine Gegensätze
sein müssen, demonstrierte Christopher Breitwieser, Referendar für die
Fächer Biologie und Sport an der Geschwister-Scholl-Schule. Zusammen mit
seiner Mentorin und Klassenlehrerin Inge Triebel unterrichtete er eine
neunte Realschulklasse im Schongang.
Die Schüler waren begeistert von seinem Projekt. Drei Tage
konzentrierten sie sich ausschließlich auf sich und auf die Gruppe.
Hinzu kamen gutes Essen und viel Bewegung. Auf einen wolkigen
theoretischen Überbau verzichtete man bewusst. Die Praxis hatte
Vorfahrt. In den Tagesablauf waren feste Rituale eingebaut. Morgens
begann man mit einem gemütlichen Frühstück. Die Tische waren dekoriert,
der Klassenraum strahlte Atmosphäre aus. Schließlich haben Wellness und
Essen auch viel mit Optik und Design zu tun.

Eile und Stress
waren ebenso überflüssig wie chronisches Schnellessen.
Den krönenden Abschluss bildete am Freitagabend ein fünfgängiges Menü -
selbst gekocht in der Schulküche. Bei Kerzenlicht dinierte man
gemeinsam. "Einige Schüler erlebten zum ersten Mal die Atmosphäre
eines Festmahls in fünf Gängen", so die Klassenlehrerin.
Christopher Breitwieser ging es vor allem um eine Esskultur, die
in einer Gesellschaft mit Magersucht, Bulimie und Esssucht zunehmend
verloren geht und funktionalisiert wird. Kalorientabellen, Ernährungspyramiden
oder Wissen über die Verdauung von Eiweißen,
Kohlenhydraten und Fetten waren kein Thema. Essen sollte stattdessen
zum gemeinsamen Erlebnis werden, in das sich jeder einbringen kann.
Die andere Seite des Projekts war Bewegung. Der Sport-Referendar
wollte eine Alternative zum herkömmlichen Unterricht, in dem Verletzungen
der persönlichen Integrität nicht gerade selten sind. Oft genug wird
der Sportunlust durch gezielte Seitenhiebe auf das Gewicht und ätzende
Kommentare über die Schwerfälligkeit Vorschub geleistet. Dabei geht
es auch anders. Statt der üblichen Leibesübungen stand in der Turnhalle
einen ganzen Vormittag lang Yoga auf dem Programm. Vorgeschaltet
waren diverse Kennenlernspiel, die gegenseitiges Vertrauen und Nähe
fördern.
Ein Beispiel hierfür ist "Lions Quest": Zwei erzählen sich
ihre Biographie, die dann durch den jeweils Anderen wiedergegeben
wird. Wenn man die Schüler fragt, was ihnen an den Projekttagen am
besten gefallen hat, kommt fast unisono der Hinweis auf die Physiotherapie.
An einem Vormittag waren Julia Engel und Sebastian Gölz von der
Physiotherapieschule Bergstraße zu Gast. Sie zeigten, wie man
Entspannung durch Massage erreichen kann. Die Schüler massierten sich
gegenseitig Schulter und Wirbelsäule, während im Hintergrund
Entspannungsmusik säuselte. Die nötigen Handgriffe vermittelten ihnen
die Fachleute.
Zwischen Schule und Alltag
Schule positiv erleben, sich besser kennen lernen und mit mehr
Fingerspitzengefühl aufeinander zugehen: Christopher Breitwieser wählte
dazu einen Weg fernab der ausgetretenen Pfade. Gerade in der
Entwicklungsphase, in der sich Neuntklässler befinden, steht die
Identität auf dem Prüfstand. Den Findungsprozessen, meint der
Referendar, sollte auch Schule Rechnung tragen. Mentorin Inge Triebel
kennt die Probleme als Suchtberatungslehrerin an der Schule nur zu
gut.
Die Grenzen zwischen Schule und Alltag gingen ineinander über, der
Unterricht schlich sich ins Wochenende hinein. Am Freitagabend traf
man sich nicht nur zu dem fünfgängigen Menü. Während die einen zu
Discomusik tanzten, legten andere noch eine Arbeitsstunde am Computer
ein. Schließlich hatten sich für Samstagvormittag die Eltern angesagt,
die sich über das fünftägige Projekt informieren wollten. Eine Präsentation
lieferte alles Wissenswerte zu Theorie und Praxis. In einem Jahr werden
die jungen Leute für ihren Realschulabschluss eine solche Präsentation
anfertigen müssen. Das Fundament dafür ist gelegt. moni
© Bergsträßer Anzeiger - 26.05.2006
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