Abi-Zeugnisse für 66 Scholl-Schüler

„Schule und Elternhaus haben einen schweren Stand“

Fernsehen, Werbung, Clique sind „Mit-Erzieher“

In feierlichem Rahmen erhielten 66 Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule im Bürgerhaus ihre Abiturzeugnisse, und das, so sagte Schulleiter Dieter Zangmeister, sei für ihn „kein bloßes Ritual, keine leere Förmlichkeit, sondern ein Höhepunkt im Laufe der meist dreizehnjährigen Schulzeit für den jungen Menschen, der sein Schulziel erreicht hat.“ Für den Gymnasiasten sei das Abitur „das höchst erwünschte Ausscheiden aus einer Institution“, es werde „herbeigewünscht, herbeigesehnt“. Später, so der Schulleiter, werde dann die Schulzeit, „je länger sie zurückliegt, in immer freundlicheren Farben gemalt.“

Für Oberstudienrat Franz Josef Schäfer, den Sprecher der Lehrer, liegt die eigene Schulzeit schon eine ganze Weile zurück. Er machte Anfang der siebziger Jahre Abitur. Wenn er die heutige Schülergeneration betrachte, so sagte er im Vergleich, werde ihm „das rasante Tempo der Entwicklung in jeder Hinsicht deutlich“.

Dies gelte insbesondere für das Freizeitverhalten, das heute von vielfältigen Angeboten wie „Diskotheken und Fitness-Centern, Jugendkneipen, Urlaubsfahrten, Sportarten wie Surfen, Tennis oder Badminton“ beherrscht werde. Hinzu kämen noch „die breite Palette neuer Medien, die Computerisierung des Alltags sowie die selbstverständlich gewordene Motorisierung“.

Lehrer Schäfer meinte, dass das „größere Maß an Freizügigkeit nicht unbedingt eine Steigerung der Lebensqualität bedeutet“. Einzelne sprächen heute bereits von „Freizeitstress“. Aber am Ende seiner Schullaufbahn solle der Abiturient eine reife Persönlichkeit sein, die „eben nicht darauf aus ist, sich voll und ganz dem gerade vorherrschenden Zeitgeist auszuliefern, sondern ihre wahren Bestrebungen und Ziele kennt.“ Ein Abiturient solle sich bewusst sein, „dass das Postulat der Selbstverwirklichung niemals verwechselt werden darf mit Egoismus“.

Kinder und Jugendliche, „aber natürlich gilt dies auch für viele Erwachsene“, seien – so Tutor Schäfer – „außerordentlich körper- und modebewusst geworden. Das Outfit ersetzt oft den Inhalt.“ Dafür würden „alte, über viele Generationen tradierte Werte in Frage gestellt, das Rollenverständnis von Mann und Frau, die Positionen von Alt und Jung haben erhebliche Uminterpretationen erfahren.“

Ähnliche Beobachtungen gab Schulleiter Zangmeister in seiner Rede wieder: „Wer oder was vermittelt heute Werte? Talkshows, Reality-TV-Shows, Werbung, MTV, die Clique? Da werden Scheinwelten und Scheinwerte suggeriert. Denken Sie an den daraus folgenden Wirklichkeitsverlust und den dadurch ausgelösten Gruppenzwang auf unsere Jugendlichen. Wer nicht mitreden kann, ist `out´. Schule und Elternhaus haben angesichts dieser Konkurrenten einen schweren Stand. Diesen Mit-Erziehern gegenüber ist unser Einfluss als Eltern und Erzieher eher gering zu veranschlagen.“

Daneben gebe es, so der Schulleiter, noch solche Ersatzwerte wie Sekten, Drogen, Computerspiele oder das Internet. „Ein Informations-Fetischismus macht sich breit. Wie viel Information braucht der Mensch? Wie viel kann er verkraften? Kann er noch unterscheiden zwischen Wirrem und Wahrem?“

Schulleiter Zangmeister zeigte sich besorgt: „Die echt menschlichen Werte – ich verwende das Unwort `Tugenden´ - scheinen dabei auf der Strecke zu bleiben. Was ist denn mit: Höflichkeit, Ordnung, Fleiß, Respekt, Geduld, Toleranz, Vertrauen, Verantwortlichkeit, Zielstrebigkeit, Zivilcourage? Was ist mit: Freundschaft, Güte, Versöhnung? Ist das alles wertlos? - Gewiss nicht!“ Gerade den Abiturienten müssten diese Werte einiges bedeuten, denn „ohne einige dieser Tugenden säßet ihr heute nicht hier.“

Besonders tugendhaft verhielten sich offenbar in den letzten Jahren einige Schüler, die auf der Abitur-Abschlussfeier besonders ausgezeichnet und beschenkt wurden. Dazu gehörten die Schüler, die die besten Abi-Noten erreicht hatten: Charlotte Poth, Lukas Mahr und Sandra Marx, die als Jahrgangsbeste aus der Hand von Schulleiter Zangmeister die „Eule der Weisheit“ erhielt.

Erstaunlich auch das Arbeitspensum von Matthias Toth. Neben der Scholl-Schule besuchte er gleichzeitig die Odenwaldschule, so dass er am gleichen Tage das Abitur-Zeugnis und das Diplom über die bestandene Ausbildung als Chemisch-Technischer Assistent (CTA) in Empfang nehmen konnte. Damit nicht genug: In der Scholl-Schule leitete er zudem noch Erste-Hilfe-Kurse für seine Mitschüler.

Enorm fleißig waren auch die Schüler der Leistungskurse Geschichte von Oberstudienrat Schäfer und Studiendirektor Lotz. Wer in der Scholl-Schule einen Lk Geschichte wählt, verpflichtet sich zur Mitarbeit in der Geschichtswerkstatt, die schon viele beeindruckende Forschungsarbeiten zur Bergsträßer Geschichte vorgelegt hat. Die neueste wissenschaftliche Arbeit „Jakob Kindinger – ein politisches Leben“ (fast 200 DIN-4-Seiten) war unmittelbar vor dem Abitur fertig gedruckt worden, und auf der Abschlussfeier erhielt jeder der stolzen Verfasser ein Exemplar.

So gab es viel zu feiern. Doch neben Ausgelassenheit und Fröhlichkeit war auch Wehmut spürbar – zum einen, weil einige Schüler die Abiturprüfung nicht bestanden hatten, aber auch, weil das Abitur nicht nur das „höchst erwünschte Ausscheiden aus einer Institution“, sondern, wie Schulleiter Zangmeister hinzufügte, den „Abschied von Menschen, vor allem von Mitschülern, vielleicht auch von einigen Lehrern“ bedeutet.

Zur Linderung des Trennungsschmerzes hielt der Schulleiter Tröstendes parat: Von Stund an gehören die Abiturienten zu den ehemaligen Scholl-Schülern und sind damit zu den alljährlichen Ehemaligen-Treffen eingeladen. Das nächste findet bereits im September statt, am Rande des Winzerfestes. Dann gibt es genug Gelegenheit, von der wunderbaren, unvergesslichen Schulzeit zu schwärmen.

R. Poggenhans

 

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