„Quälen Sie uns doch nicht so!“

88 Realschüler der Geschwister-Scholl-Schule feierlich entlassen

Die Feier im überfüllten Forum der Geschwister-Scholl-Schule, bei der 88 Schüler das Zeugnis der Mittleren Reife in Empfang nehmen konnten, war sehr harmonisch, doch anfangs klang es ganz anders. „Ist die Schule eine Zwangsanstalt?“, fragte Martina Barnewold, die Leiterin des Realschulzweiges der Scholl-Schule, und zunächst lautete ihre augenzwinkernde Antwort: Im Prinzip ja.

Denn eine Schule, so Martina Barnewold, „heißt nicht ganz ohne Grund `Anstalt des öffentlichen Rechts´. Keiner wird gefragt, ob er kommen will oder nicht, ob er bleiben will oder nicht. Es gibt keinen Tarifvertrag, kein Kündigungsrecht und auch kein Streikrecht. Keiner darf kommen und gehen, wann er will, die Arbeit wird ihm zugeteilt und zu verdienen ist auch nichts. Jeder steht unter Aufsicht. Es gibt einige Parallelen dazu, da fallen mir ein: die Bundeswehr und Strafanstalten zum Beispiel. Allerdings ist der Schüler nach dem Unterricht grundsätzlich Freigänger, bekommt aber für diese Zeit noch Arbeit mit nach Hause. Und nicht umsonst geben wir ja ganz offen zu, dass wir euch heute entlassen … also, bitte sehr.“

Und wenn man Karlheinz Nichell, dem stellvertretenden Leiter der Geschwister-Scholl-Schule zuhörte, konnte der Eindruck aufkommen, als sei in der Zwangsinstitution Schule auch noch die Folter gang und gäbe: „Im Zusammenhang mit schulischen Herausforderungen klingt mir eine spontane Äußerung aus der 10 Rc im Ohr: `Quälen Sie uns doch nicht so!´ Meine spontane, emotionsbetonte Antwort war: `Was heißt, ich soll euch nicht quälen? Ist es nicht vielmehr so, dass man sagen muss, ihr quält euch nicht?´

Dann habe ich laut darüber nachgedacht, wie viele Schülerinnen und Schüler wohl bereit sind, sich für ihre persönliche schulische Weiterentwicklung zu `quälen´. Ich bin überzeugt, dass sich einige von euch in einem positiven Sinn in den letzten zwei Jahren gequält haben und jetzt in Form von Noten, die besser waren als am Ende der 8. Klasse, belohnt wurden.“ Thomas Riedelsheimer, der Sprecher der Eltern, unterstützte diese Pädagogik: „Ein Ziel wird nur dann zur Realität, wenn man alles dafür gibt.“

Dennoch – das Bild der Schule als Straflager mit gelegentlichem Freigang ist revidierungs-bedürfig, wie auch Realschulleiterin Barnewold einräumte. „Am deutlichsten zeigt sich das immer dann, wenn der Zwang der Schule erst einmal weggenommen ist. Wenn sich Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer nach einiger Zeit wieder einmal treffen. Da ist die alte Situation wieder lebendig, man ist in der Rolle von Schüler und Lehrer – nur aufgrund eines freien Entschlusses, denn sonst würde man ja nicht hingehen, die alten Pauker einfach nicht einladen. Aber die Klassentreffen finden statt, und oft schon habe ich beobachtet, wie die Lehrerin oder der Lehrer, wenn sie kommen, freundlicher noch begrüßt werden als die alten Klassenkameraden.“ Da sei doch „tatsächlich so etwas wie eine Bindung entstanden“, mutmaßte Frau Barnewold.

Dass diese Bindung nicht erst nach der Schulentlassung entsteht, machten Levent Songün und Judith Fertig als Schülersprecher deutlich. Sie verteilten an die anwesenden Lehrer einen „Lehrerbrief“, den die Pädagogen unterschreiben sollten. Auszug: „Wir, Ihre Schüler waren trotz der Strenge Ihrerseits sehr mit Ihnen zufrieden und werden Sie sehr vermissen. Mit dieser Unterschrift stimmen Sie zu, dass Sie auch mit uns Schülern zufrieden waren. Da wir fast immer pünktlich zum Unterricht erschienen sind, konnte der Unterricht auch fast, fast immer pünktlich beginnen. Wir haben uns ständig gemeldet und Dinge zum Unterricht beigetragen, manches gehörte nicht immer dazu. Mit Ihrer Unterschrift bestätigen Sie, dass das Verhältnis zwischen Ihnen und uns stets von Respekt, Freundlichkeit und Vertrauen geprägt war. Hiermit bestätigen Sie, dass die sechs Jahre, die wir miteinander verbracht haben, sehr schöne Jahre waren. Wir sind jedenfalls dieser Meinung. Wir stehen heute hier alle gemeinsam beisammen, das letzte Mal – und dem einen oder anderen wird schon einmal eine Träne über das Gesicht fließen.“

Ähnlich positiv fiel der Rückblick der Klassenlehrerin Christina Schmand-Rickes aus: „Schön war’s: sechs unvergessliche Jahre, mit Höhen und Tiefen, gefüllt mit altersspezifischer Stoffvermittlung, welche mit pädagogischen Höchstleistungen gepaart war.“ Frau Schmand-Rickes erhielt ebenso wie die übrigen Klassenlehrerinnen Frau Wagener, Frau Eberhardt und Frau Grüneklee sowie Frau Heck, die Sekretärin, sehr persönliche Geschenke. Auf der anderen Seite wurden Tim Riedelsheimer, Magdalena Stanzel, Judith Schalich und Levent Songün als Klassenbeste und Jakob Schmidt als Jahrgangsbester ausgezeichnet.

Zur harmonisch-heiteren Stimmung des Abends trugen auch die musikalischen Einlagen mit Herrn Frohnapfel und der Big Band der Scholl-Schule mit Herrn Brenzel bei. Als Gesamteindruck des Abends bleibt festzuhalten: Entlassungen aus einem Straflager sehen anders aus.

R. Poggenhans

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