Am liebsten wäre Anna in Bensheim geblieben

Italienische Austauschschüler fühlten sich an der Bergstraße prima

Die Geschwister-Scholl-Schule hat langjährige Partnerschaften mit Schulen in vielen Ländern. Bis vor zwei Jahren war allerdings Italien ein weißer Fleck auf der Schüleraustausch-Karte dieser Schule. Seitdem jedoch besuchen sich jedes Jahr Scholl-Schüler und die Pennäler des Pinchetti-Gymnasiums in Tirana. Die Stadt liegt am Fuße der Bernina Alpen, nur einen Steinwurf von der Schweizer Grenze entfernt. Nun ist bekanntlich Italien seit Jahrhunderten ein Sehnsuchtsland der Deutschen, aber ist Deutschland für italienische Schüler eigentlich eine Reise wert?

Die Austauschschüler aus Tirana finden das allemal. Sie hätten nämlich auch zur gleichen Zeit mit einer anderen Klasse nach Florenz fahren können, aber viele zogen doch Bensheim vor. Das liegt sicherlich auch daran, dass norditalienische Schüler nach Englisch jetzt verstärkt Deutsch als zweite Fremdsprache lernen müssen, und das geht nun mal in Bensheim besser als in Florenz. Bei einem gemeinsamen Empfang mit dem Ersten Stadtrat, Herrn Strauch, betonte deshalb auch die Vorsitzende des Freundeskreises Bensheim-Riva, Dr. Pina Kittel, die Bedeutung des Austausches für das gemeinsame Europa.

Die jungen Gastgeber von der Scholl-Schule hatten ein attraktives Programm für ihre Gäste vorbereitet. Sofort waren die italienischen Jugendlichen mit Feuereifer dabei, als sie bei zwei Sportstunden in der GSS mitmachen konnten: die Jungen bei einem Basketball-Turnier und die Mädchen beim Aerobic-Tanzen – letzteres wird an ihrer Schule nicht in diesem Umfang angeboten.


Cheerleader-Darbietung für die italienischen Gäste /kkb  

Überhaupt fanden die italienischen Jugendlichen das deutsche Schulsystem „viel besser als in Italien“ – so der 16jährige Luca. Die italienischen Pennäler drücken nämlich von 7.50 bis 13.30 Uhr die Schulbank – mit nur einer einzigen Pause von 15 Minuten. Die lebhaften und kommunikationsfreudigen Jugendlichen aus Italien müssen dort stundenlang ihre elementarsten Bedürfnisse unterdrücken.

Eine andere Umstellung machte den italienischen Gästen deutlich mehr zu schaffen. In Italien isst man zum Frühstück fast nichts, mittags langt man ordentlich zu, und abends tafelt man „normal“ – so jedenfalls erklärt es die 16jährige Debora. Doch auch für den kleinen oder großen Hunger zwischendurch gab es eine Lösung – so wurden Gäste und Gastgeber in Bensheim immer wieder mal in einer italienischen Eisdiele und Pizzeria gesichtet.

Das Besichtigungsprogramm fanden sie ebenfalls attraktiv: Heidelberg mit dem Studentenkarzer, das Kloster Lorsch und natürlich Bensheim, wo die deutschen Schüler eine Stadtführung auf Italienisch vorbereitet hatten. Dabei haben die Neunt- bzw. Zehntklässler von der Scholl-Schule gerade erst ein bzw. zwei Jahre Italienisch-Unterricht gehabt.

Auch bei einem „Bunten Abend“ spielten die deutschen Jugendlichen zwei Sketche auf Italienisch vor. An diesem Abend präsentierte zudem Studiendirektor Dietrich Hinkeldey, ein passionierter Bergsteiger, eine Diashow über seine Touren in den Dolomiten. Die italienischen Schüler, selbst in den Alpen aufgewachsen, zeigten sich beeindruckt. Sprachunterschiede spielten jetzt kaum noch eine Rolle. Man unterhielt sich auf Deutsch, Italienisch, Englisch, und am Ende schmetterten alle gemeinsam das fetzige Widerstandslied „Bella ciao“.


Italienische und deutsche Schüler verstanden sich hervorragend. Rechts unten auf unserem
Foto: Ulla Perrot (Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Schule), Ennio Galanga
(Lehrer am Istituto d´istruzione superiore Pinchetti), Karlheinz Nichell
(stellvertr. Leiter der Geschwister-Scholl-Schule)- Foto: Ph.

Ganz am Rande spielten auch noch Krieg und Widerstand eine Rolle. Denn just als die Schüler nach Italien zurückfuhren, wurde in Italien ein nationaler Feiertag begangen – zum Gedenken an die Befreiung von den Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges. „Wenn ihr jetzt zurückfahrt, dann könnt ihr die Befreiung doppelt feiern“, scherzte Studienrätin Ulla Perrot, die Leiterin des Austausches, mit den Gästen. „Nein, nein,“ wehrten die allseits beliebten Südländer da ab, ihnen hatte es prima gefallen und sie wollen unbedingt wiederkommen.

Eine Schülerin namens Anna della V. wollte gleich dableiben, zumindest noch ein paar Tage. Als alle anderen schon im Bus saßen, hatte sie sich zwischen ihren deutschen Freunden versteckt und war nur schwer und mit leicht feuchten Augen dazu zu bewegen, in den Bus nach bella Italia zu steigen.


Rolf Poggenhans

 

zurück
GSS Bensheim