| Fesselndes Buch zur wechselhaften Geschichte der Bensheimer Juden |
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Neue Forschungsarbeit der „Geschichtswerkstatt Geschwister-Scholl“ veröffentlicht – Lebensläufe und Schicksale dokumentiert Es gibt ein neues Buch über Bensheim - mit vielen beklemmend-faszinierenden Lebensgeschichten von Bensheimer Bürgern, die in einer dunklen, verbrecherischen Zeit lebten, einer Zeit, in der an vielen Stellen die Maßstäbe der Menschlichkeit aus den Fugen geraten waren. Es geht um die jüdischen Bürger, die hier lange als anerkannte Mitbürger lebten, bis sie im 3. Reich schikaniert, enteignet, ins Ausland oder in Konzentrationslager gedrängt wurden. Und es geht um die Täter, von „gestandenen Männern in den besten Jahren“, die vorher ebenso unauffällig in Bensheim gelebt hatten wie ihre späteren Opfer. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Vorgänge um den Brand der Bensheimer Synagoge, die die „Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl“ akribisch nachzeichnet. Im Verlauf der Arbeiten weitete sich allerdings auch der Forschungsgegenstand aus; die Lebensläufe von immer mehr Tätern und Opfern und deren Umfeld wurden erforscht, und so entstand allmählich ein umfassender Beitrag zur Sozialgeschichte Bensheims. So lautet denn auch der Titel des Buches „Geschichte der Bensheimer Juden im 20. Jahrhundert“. Unter der Leitung von Studiendirektor Peter Lotz und Oberstudienrat Franz Josef Schäfer erforschen Schüler der Geschwister-Scholl-Schule in der „Geschichtswerkstatt“ schon seit Jahren Aspekte der Bergsträßer Geschichte. Jeder Schüler, der einen Geschichts-Leistungskurs bei diesen Lehrern belegt, verpflichtet sich, nicht nur den üblichen Stoff zu bewältigen, sondern auch in einem Forschungsprojekt zu einem speziellen Thema der Heimatgeschichte mitzuarbeiten. Frühere Jahrgänge von Scholl-Schülern gewannen für ihre umfangreichen und präzisen Forschungsarbeiten bereits viele Preise der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, des Hessischen Landtags und des Bundespräsidenten. Die Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse 2000/01 entschieden sich dafür, die Vorgänge um den Synagogen-Brand vom 10.11.1938 aufzuklären. Im Jahr 2000 war vor der Anne-Frank-Halle eine Gedenkstätte eingeweiht worden, die daran erinnert, dass dort einmal die später zerstörte Synagoge stand. Doch was passierte damals wirklich, fragten sich die Schüler, was waren die Hintergründe? Davon war bis dahin wenig bekannt. Die letzte Forschungsarbeit über die jüdische Bevölkerung in Bensheim findet sich in einer dünnen Broschüre aus dem Jahr 1963. Da Akten aus öffentlichen Archiven erst 10 Jahre nach dem Tod der Betroffenen eingesehen werden dürfen, waren 1963 noch wichtige Dokumente gesperrt. Erstmals konnten nun die Lehrer und Schüler u.a. Dokumente aus Archiven in Berlin, Wiesbaden, Jerusalem, New York, Darmstadt, Heppenheim und Bensheim einsehen. Sie befragten auch viele Zeitzeugen, von denen sich manche allerdings als nicht sehr auskunftsfreudig erwiesen. Besonders ergiebig war hingegen der briefliche Kontakt mit Edith Isenberg, deren Vater Hans Sternheim bei Kriegsende aus dem KZ Dachau befreit wurde und danach in die USA ausgewanderte. Hans Sternheim war der damals bekannteste jüdische Bürger Bensheims. Er machte am AKG Abitur und kannte sich im kulturellen Leben der Bergstraße bestens aus. In den USA schrieb er seine Erinnerungen an sein Leben in Deutschland auf. Mithilfe seines brillanten Gedächtnisses notierte der Journalist viele Anekdoten und eigene Erlebnisse – ohne Groll, sehr versöhnlich. Er habe „seine Liebe zu Bensheim nie verloren“, schreibt seine Tochter. Diese Erinnerungen Sternheims sind in dem neuen Buch erstmals komplett abgedruckt. Der ehemalige Herausgeber des „Bergsträßer Anzeigers“, Heinrich Brücher, hatte schon vor 1984 die Veröffentlichung vorbereitet, konnte sein Vorhaben aber wegen des Verlagsverkaufs nicht verwirklichen. Schon im 14. Jahrhundert gab es in Bensheim eine jüdische Gemeinde. Meist waren die Juden nicht besonders geliebt, eher geduldet, weil sie hohe Steuern zahlten. Oft versagte man ihnen den Status als Bürger, manchmal wurden sie auch angegriffen, verfolgt, vertrieben, ihre Synagoge zerstört. Einzelne Juden standen jedoch als Kaufleute, Bankiers, Ärzte immer wieder in hohem Ansehen. Im Jahre 1900 wohnten in Bensheim 180 Juden. Als am frühen Morgen des 10. November 1938 die Synagoge brannte, ließ sich die Feuerwehr über eine Stunde Zeit bis zum Eintreffen und bemühte sich danach nur, ein Überspringen der Flammen auf die benachbarte Brauerei Guntrum zu verhindern. Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder und wurde später abgerissen. Ein Teil der Brandstifter konnte nach dem Krieg ihren Strafen entgehen. Das Buch ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Hunderte von Fotos, amtliche Schreiben, persönliche Unterlagen haben die fleißigen Scholl-Schüler auf 343 DIN-A-4-Seiten zusammengetragen. Dadurch wirken die zurückhaltend formulierten kritischen Würdigungen der einzelnen Personen sehr überzeugend. Es ist ein wissenschaftlich fundiertes Buch und dennoch kein trockener Lesestoff. Wenn man das Buch zur Hand nimmt, liest man sich leicht fest, weil man immer wieder auf einzelne Menschen stößt, deren Lebensläufe und Schicksale beklemmend und fesselnd sind. Die Forschungsarbeit konnte dennoch lange nicht im Druck erscheinen, weil es sich als äußerst schwierig erwies, einen Zuschuss zu den Druckkosten zu erhalten. Die Autoren gewannen zunehmend den Eindruck, dass die Veröffentlichung politisch nicht erwünscht war. Schließlich machten Zuschüsse des Kreises Bergstraße, der Sparkasse und der Stadt Bensheim den Druck der Forschungsarbeit möglich. Die Hessische Landeszentrale für politische Bildung bestellte nach der ersten Durchsicht sofort 250 Exemplare des Buches, das mit einem Vorwort der Kultusministerin eingeleitet wird. Auch
Bürgermeister Thorsten Herrmann lobte die Schüler bei der
Übergabe des Buches. Er gratuliere zu der „ganz tollen Leistung“,
sagte er den Autoren. Er selbst gehöre eher zur jüngeren
Generation und habe die Zeit nicht direkt erlebt, deshalb sei er dankbar,
dass „dieses Buch eine Brücke in die Vergangenheit baut“. Gegen
die bekannten Vorwürfe, man solle doch die furchtbaren Vorgänge
jener Zeit auf sich beruhen lassen, wehren sich die Autoren mit einem
Zitat von Arnim Lang: „Wer will, dass so etwas nie mehr geschieht,
muss ständig daran erinnern, was Menschen Menschen antun können.“
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| INFO: Weitere Informationen und Veröffentlichungen der Geschichtswerkstatt Geschwister-Scholl sind unter http://lernen.bildung.hessen.de/geschichtswerkstatt im Internet zu finden. |