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Mit "Eule der Weisheit" gegen Vorurteile |
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Ist die Geschwister-Scholl-Schule eine Schule zweiter Klasse? Diese Frage stellte der Direktor der Scholl-Schule, Dieter Zangmeister, in seiner Rede zur Verabschiedung der 69 Abiturienten seiner Schule. Viele Eltern glaubten, die Scholl-Schule sei zweitklassig, sagte Direktor Zangmeister. "Wer in Bensheim und Umgebung etwas auf sich hält, der schickt sein Kind nicht auf die Geschwister-Scholl-Schule. Für mich ist das ein Markenbewusstsein ohne rational belegbare Grundlage, um sich von den anderen abzusetzen. Die Gesamtschulen sind in der Bevölkerung schlecht angesehen, deshalb traut sich kein Bildungspolitiker, davon zu reden." Erfreulicherweise habe der Bundestagsabgeordnete Dr. Meister erst kürzlich am "Tag der Mathematik" darauf hingewiesen, dass er sein Abitur an der Scholl-Schule gemacht habe. Doch auch von manchen Lehrern anderer Schulen werde seine Schule schlechtgeredet, beklagte Oberstudiendirektor Zangmeister. Ein befreundeter Kollege aus einem benachbarten Gymnasium habe ihm "einmal gesagt, er müsse noch sechs Schüler aus seiner Klasse an die Scholl-Schule schicken, dann könne er endlich vernünftigen Unterricht machen." Natürlich, so Dieter Zangmeister, gebe es Schüler, die im Gymnasium überfordert seien, aber solch eine Einstellung gegenüber den eigenen Schülern sei erschreckend: "Schwache oder unbequeme Schüler gehen an die GSS, dort wird es dann schon irgendwie klappen." Wenn dann tatsächlich einige, die an anderen Gymnasien bereits gescheitert waren, an der Scholl-Schule doch noch erfolgreich sind, schließen manche Leute daraus, die Scholl-Schule sei eine Schule zweiter Klasse. Das sieht Direktor Zangmeister anders: "Ich glaube, wir ermöglichen mehr Schülerinnen und Schülern eine Chance auf das Abitur, weil wir offener sind und im menschlichen Dialog mit den Schülern stehen. Deshalb kann ich sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass unsere Schülerinnen und Schüler dadurch besser auf das wirkliche Leben da draußen vorbereitet sind." Schlechte Noten, so der Schulleiter, "haben nicht immer etwas mit mangelndem Intellekt zu tun", und auch ein Abitur mit einem schlechten Notenschnitt sei anerkennenswert. "Stellen Sie sich einen eher unsportlichen Menschen vor, der sich im Hochsprung mit viel Elan und Training von 1,00 m auf 1,60 m steigert, und dann einen Sportler, der seine Höhe von 1,80 auf 1,90 m schraubt. Welche Leistung ist höher zu bewerten?" Aber ist denn an allen Schulen das Niveau so schlecht, wie es jetzt im Nachklang zu PISA von vielen behauptet wird? Schulleiter Zangmeister widersprach aus eigener Erfahrung: "Als ich die Schule besucht habe, war das deutsche Bildungssystem weltweit hervorragend angesehen. Der Unterricht, den ich genossen habe, war aber mit Sicherheit schlechter als das, was ich heute beobachten kann." Einen wesentlichen Grund für das schlechte deutsche PISA-Ergebnis sah der Leiter der GSS darin, dass Schüler, die nur in einem oder zwei Fächern schlecht sind, sitzen bleiben und damit ein ganzes Schuljahr mit allen Fächern wiederholen müssen. "Deswegen bieten wir im nächsten Schuljahr bei uns an der Schule zusätzliche Kurse für Schüler, die nur knapp versetzt wurden, mit Hilfe von Honorarkräften an." Nicht die alten Strukturfehler der deutschen Schulen, sondern die heutige Bildungspolitik kritisierte Eva Petermann als Sprecherin der Lehrer. In den Schulen gebe es immer mehr Abschlussprüfungen, Tests, Vergleichsarbeiten usw. "Alles für sich genommen", so meinte sie, "sind dies möglicherweise durchaus sinnhafte Unternehmungen. In den falschen Händen und ohne die notwendigen Voraussetzungen jedoch läuft all dies auf nichts weiter hinaus als auf - ja, ich sage es mal ganz zugespitzt - auf Selektion und ein Zurichten junger Menschen für optimale Verwertbarkeit und kapitalistische Funktionalität." "Aber die Gestaltungsspielräume werden enger in manchen Bereichen. Richtig eng wird es, wenn ein Schulleiter sich vor der Presse rechtfertigen muss, weil seine Schule sich eben nicht der Konkurrenz und Leistung vor allem anderen verschrieben hat. Und weil diese Geschwister-Scholl-Schule es vordringlicher findet, sich um Bildung und Talentförderung für alle zu bemühen und dabei alle pädagogischen Mittel und Spielräume auszunutzen, statt in jeder Klasse auf Schritt und Tritt so genannte Hochbegabungen aufzuspüren." Es sei "schlichtweg absurd", so urteilte die Lehrerin, "menschliche Individualität und Originalität fassen und messen zu wollen in Prozentrangnormen und IQ-Werten." In dem "irrationalen Glauben an die Messbarkeit und Quantifizierbarkeit menschlichen Lebens" zeige sich "die Gefühllosigkeit der zu Vernünftigen, die auch nur scheinbar rational sind". In dieser Welt, in der es Lehrstellenmangel und Jugendarbeitslosigkeit ebenso gebe wie Möglichkeiten, das Glück voll auszukosten, sollten die Jugendlichen bewusst ihren Weg wählen. Sie sollten "nicht nur Marionette sein und blind funktionieren, nicht mitlaufen beim "rat race von 'Deutschland sucht den Superdepp', der für Geld alles mit sich machen lässt. Sondern sich vorzunehmen, zur Entwicklung, zur Veränderung etwas beizutragen. Nicht das Leben ist absurd, nein, aber diese Gesellschaft, diese aus den Fugen geratene Welt, so wie wir sie vorfinden." Stefan Drackert, der für die Abiturienten sprach, stellte der Scholl-Schule ein gutes Zeugnis aus. Er selbst sei erst in der 12. Klasse an diese Schule gekommen, deshalb könne er gut vergleichen. Er sei "überrascht worden vom starken Gemeinschaftssinn der Schüler, von aufgeschlossenen, verständnisvollen Lehrern (mit Ausnahmen), vor allem vom sehr guten Lernklima." Auch auf solche "wichtigen Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz" lege man an der Scholl-Schule Wert. "Dies ist an Bergsträßer Schulen keine Selbstverständlichkeit." Er selbst, so sagte Stefan Drackert, habe sich an der Scholl-Schule immer wohlgefühlt, den Wechsel nie bereut. "Die GSS ist besser als ihr Ruf", meinte er. Nach der Ausgabe der Zeugnisse wurden diejenigen Schüler mit Buchgutscheinen geehrt, die ein besonders gutes Abitur abgelegt hatten: Benjamin Kühnreich, Esther Klein und Sonja Denefleh. Für das beste Abitur der Scholl-Schule erhielt Stefan Drackert zusätzlich noch die "Eule der Weisheit". Geehrt wurden außerdem noch Benjamin Kühnreich, Joachim Krauß und Jan Barth, die in ihrer Oberstufenzeit parallel zum Schulbesuch die Ausbildung zum Chemisch-Technischen-Assistenten erfolgreich abschlossen. Die Stimmung war bestens an diesem harmonischen Abend im Bürgerhaus. Eltern, Lehrer und Abiturienten feierten in stilvoller, fröhlicher Atmosphäre - auch wenn mancher doch etwas wehmütig wurde angesichts des Abschieds. R. Poggenhans |